Bad Kissingen gehört zu den „Great Spa Towns of Europe“, wie hierzulande auch Baden-Baden und Bad Ems. Es fließt seit der Anerkennung als Unesco Welterbe viel Geld in die Pflege und Sanierung der bedeutenden Bäderarchitektur, zu der auch die Räume für Musik gehören. In Bad Kissingen werden sie prominent zum „Kissinger Sommer“ genutzt – ein bedeutendes Musikfestival, das seit 1986 jährlich im Sommer über etwa sechs bis 7 Wochen veranstaltet wird. Drei Säle und ein Kuriosum ragen heraus: der Max Littmann Saal, der Rossini-Saal, das Kurtheater und eine drehbare Konzertmuschel.
Max Littmann Saal im Regentenbau
Ludwigstraße 2, 97688 Bad Kissingen
https://www.kissingersommer.de/
Max Littmann
Max Littmann (1862-1931), in Chemnitz geborener Architekt, der nach dem Studium in Dresden nach München wechselte, heiratete in ein Bauunternehmen hinein, das später „Heilmann & Littmann“ hieß und für den Bau zahlreicher, prominenter Kulturbauten in München (u.a. Prinzregententheater, Kammerspiele), aber auch von „Bierpalästen“ wie dem Hofbräuhaus oder dem Sternecker Bräuhaus verantwortlich zeichnete. Außerhalb Münchens baute Littmann das Schiller-Theater in Berlin, das „Deutsche Nationaltheater“ in Weimar und die Häuser der Württembergischen Staatstheater in Stuttgart. Die Oper dort wurde nach dem Krieg in 50er-Jahre Schlichtheit saniert, danach nochmals in der Littmann-Fassung rekonstruiert und derzeit für geschätzt 1,5 bis 2 Milliarden Euro erneut saniert.

Der Max-Littmann-Saal vor einem Konzert des „Kissinger Sommers“; rechts sind die Türen zum „Grünen Saal“ geöffnet. Zur Sanierung gehörte u.a. die Installation einer Absturzsicherung auf den Balkonen. (Foto: Wilfried Dechau)

Im komplexen Gefüge der Kuranlagen finden sich die Konzertsäle: Max Littmann Saal, Rossini-Saal, Kurtheater, Konzertmuschel. Die Abbildung stammt aus einer sehr informativen Broschüre der Stadt: Themenführer „Historische Gebäude und Kuranlagen“. (c: Bayr. Staatsbad Bad Kissingen GmbH)
Der Bad Kissinger Max Littmann-Bau ist Teil des „Regentenbaus“, der mit einem langgestreckten Gebäudeensemble mit Arkaden und Wandelhalle (von Ludwig von Gärtner, 1838 in Betrieb genommen), das zwischen Innenstadt und Kuranlagen vermittelt. Prinzregent Luitpold von Bayern hatte diesen Bau 1911 bei Max Littmann in Auftrag gegeben, weil immer mehr Kurgäste nach Bad Kissingen kamen. Der Prinzregent starb, sein Sohn Ludwig III konnte den Bau bereits 1913 einweihen.
Im Plan (rechts) erkennt man strukturell besser, wie die räumlichen Verflechtungen der Konzertsäle im Regentenbau funktionieren. Max Littmann Saal mit den Nebenräumen (Grüner und Weißer Saal), Rossini-Saal und Kurtheater: Hier überzeugen die kurzen Wege zwischen allen attraktiven Räumlichkeiten. Auch die Tourismus-Information hat hier ihren Platz gefunden.

Max-Littmann-Saal (Foto: Wilfried Dechau)
Der Saal ist als exzellenter Konzertsaal bekannt und bietet einen entsprechenden Rahmen beim „Kissinger Sommer“. 36 Meter lang, 16 Meter hoch und dreiseitig mit Balkonen bestückt, bietet der Saal im Parkett etwa 660, mit Balkonen zusätzlich 500 – insgesamt 1160 Plätze. Als Nachhallzeit werden je nach Frequenz 1,3 bis 1,8 Sekunden angegeben.
Auffällig ist die Vertäfelung des gesamten Saals mit Kirschbaumholz mit Intarsien aus Ebenholz, die Kassettendecke besteht aus Fichtenholz. Alle Oberflächen wurden bei der Sanierung gereinigt und restauriert.
Ab Reihe 26 sitzt man unter dem Königslogenbalkon, wo die Hör- und Sehqualität allerdings deutlich einschränkt ist. Das gilt auch für die jeweils seitlichen Sitze – diese Plätze werden nur bei stark besuchten Konzerten in den Verkauf gegeben.

Grüner Saal (Foto: Wilfried Dechau)
Bemerkenswert ist die Anbindung des Saals an seitliche, ergänzende Bereiche. Zum Grünen Saal hin lassen sich Falttüren öffnen, gegenüber, zum Weißen Saal mit überraschend unsichtbar in die Säulen verschieblichen Türen.

Max-Littmann-Saal, Foyer (Foto: Wilfried Dechau)
Julius Mössel (1871-1957)
Den Max Littmann Saal erreicht man durch ein Foyer mit gewölbter Decke, in der ein Gemälde von Julius Mössel (1871-1957) den griechischen Sänger Orpheus in einer afrikanischen Landschaft zeigt. Das Kaiserreich wird hier als aufstrebende Kolonialmacht inszeniert. Von Mössel, der 1926 in die USA auswanderte, stammt auch das Deckengemälde „Zug der Kraniche“ im Bad Kissinger Kurtheater.

Kurtheater, Blick unter die Decke: Zug der Kraniche (Foto: Wilfried Dechau)
Julius Mössel war als „Dekorationsmaler“ bekannt und seinerzeit der vielleicht Vielseitigste unter ihnen – und sehr oft arbeitete er mit Max Littmann zusammen. Und um zur Oper in Stuttgart von Littmann zurückzukommen: Von Julius Mössel stammt auch das Deckengemälde der Stuttgarter Oper.
Der Begriff „Dekorationsmalerei“ führt etwas in die Irre. Denkt man an die fantastischen Deckenmalereien von Andrea Pozzo (1642-1709) in Sant’Ignazio in Rom oder Martin Knoller (1725-1804) in der Abteikirche in Neresheim, kann nicht ignoriert werden, wie großartig die räumlich- künstlerische, ikonografische Erweiterung der Architektur – analog zur Musik – zu bewerten ist.

Die Abteikirche in Neresheim. Martin Knoller (1725-1804) projizierte hier eine Kuppelüberkreisförmigem Grundriss in einen Gewölbeabschnitt über elliptischem Grundriss. (Foto: Wilfried Dechau)
Seitenbereiche
Bemerkenswert ist die Anbindung des Saals an seitliche, ergänzende Bereiche. Zum Grünen Saal hin, der anfangs das grafische Erscheinungsbild der Programmhefte zierte, lassen sich Falttüren öffnen. Gegenüber, zum Weißen Saal, überraschen unsichtbar in die Säulen verschiebliche Türen. Beide Säle lassen sich separat nutzen, auch für Konzerte.

Weisser Saal: Auf einen Kaffee mit Elisabeth Leonskaja und Alexander Steinbeis (Foto: Wilfried Dechau)
„Mazel tov“

Blick auf den Regentenbau … (Foto: Wilfried Dechau)
Im Sommer 2026 besuchen wir den 1986 ins Leben gerufenen „Kissinger Sommer“ in den Eröffnungstagen. Seit 2021 ist Alexander Steinbeis Intendant dieses Musikfestivals, dessen Erscheinungsbild deutlich, sagen wir, aufgefrischt wurde – was als Geschmackssache durchaus umstritten ist, denn nicht jedem gefällt ein paniertes Schnitzel auf der Tastatur oder ein poppiges Girl in pinkfarbenem Plüschmantel auf dem Programmtitel (siehe > Miszelle Programmheft).

… und Gegenblick: Vor dem Eröffnungskonzert spielt ein Musikkorps vor dem Regentenbau, vor dem neuen Logo (Foto: Wilfried Dechau)
Sehr gut gewählt ist anlässlich des 40. Festivaljubiläums das Motto „Mazel Tov“: Darin deutet sich eine Würdigung an, die eigentlich längst fällig war, Alexander Steinbeis: „Bad Kissingen war über viele Jahrhunderte Heimat einer lebendigen jüdischen Gemeinde, einer der größten und wichtigsten in Bayern, die das kulturelle und wirtschaftliche Leben entscheidend mitprägte. Vor allem im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert florierte das jüdische Leben, bis es im Nationalsozialismus ein gewaltsames Ende fand. Dieses Erbe soll 2026 wieder sicht- und hörbar gemacht werden; es bildet den thematischen Hintergrund für unsere Jubiläumssaison.“1)
Herausragend in den Eröffnungstagen waren aus unserer „Hörsicht“: das „Projekttrio“ aus den Solisten Lena Neudauer (Violine), Sebastian Klinger (Violoncello) und Marianna Shirinyan (Klavier) mit Schostakowitschs Klaviertrio Nr. 1 c-Moll, Mieczslaw Weinbergs Klaviertrio a-Moll und Schuberts Klaviertrio Nr. 1 B-Dur, aufgeführt im Rossini-Saal.
Im Littmann-Saal trat die 61-jährige Anne-Sophie Mutter mit den Berliner Barocksolisten auf, genau: mit „Likoo“ von Aftab Darvishi für Violine solo, André Previns Violinkonzert Nr. 2, Mozarts Violinkonzerten Nr. 1 B-Dur und Nr. 5 A-Dur und einer für sie komponierten Solo-Zugabe. Sie spielt virtuos, auf einer gewiss fulminaten Violine, ohne Starallüren und mit unverkennbarer Freude am Spiel.
Sehen und Gesehen werden
Auch daran sei erinnert: Der Zulauf in Bad Kissingen, die wachsende Zahl von Kurgästen im frühen 20. Jahrhundert war nur dank der Eisenbahn möglich. Bad Kissingen erreicht man mit dem Zug recht gut, konsequent wurde die Innenstadt von Autos befreit. Das Publikum am Eröffnungsabend, zu dem Markus Söder und Dorothee Bär kamen, ließ sich als Mischung aus kenntnisreichen MusikfreundInnen, finanzkräftigen SponsorInnenen, und – neben den Mächtigen – natürlich auch den Schönen sehen.
Der Kissinger Sommer läuft 2026 vom 11. Juni bis zum 18. Juli.
Literatur
Bayer. Staatsbad Bad Kissingen GmbH (Hrsg.): Historische Gebäude und Kuranlagen. Bad Kissingen 2025
Katharina Arnold, Markus Gschwind: Welterbe in Bayern. In: DI Denkmal Information Bayern, Nr. 177 / 2022, Seite 8-17
Peter Weidisch, Fred Kaspar s(Hrsg.): Kurort und Modernität. Tagungsband zum Symposium in Bad Kissingen 7.–9. März 2014 (Sonderpublikationen des Stadtarchivs Bad Kissingen, 11), Würzburg 2017
1) Alexander Steinbeis: Wege entstehen dadurch, das man sie geht (Franz Kafka). In: Kissinger Sommer, Mazel Tov, Programm 2026, Seite 8.
Erwin Full, Christian Teichmann: Generalsanierung des Regentenbaus in Bad Kissingen. In: Baukultur, 15.9.2007 (https://www.dai.org/baukultur/zeitschrift/beitraege/207-generalsanierung-des-regentenbaus-in-bad-kissingen)
Max Littmann Saal im Regentenbau
Architekt: Max Littmann
Sanierung 1998-2005
Bauherr: Bayerisches Staatsministerium der Finanzen
Projektleitung: Staatliches Hochbauamt Bad Kissingen
Entwurf, Planung und Bauleitung:
Grellmann-Leitl-Kriebel-Teichmann, Architekten BDA, Würzburg
Haustechnik: Ingenieurbüro ABI, Würzburg
Statik: Glatt + Wolf, Bad Kissingen





