Zum Ensemble der Bad Kissinger Konzertsäle gehört auch das Kurtheater, das 1904 von Max Littmann gebaut wurde. Die lange und architektonisch-musikalische Tradition europäischer Kurorte führte 2021 zur Anerkennung beim UNESCO Welterbe. Die Pflege der Bauten und die musikalische Kuratierung der Spielstätten wirken einzigartig zusammen.


Kurtheater
Theaterplatz 1, 97688 Bad Kissingen

Das Königliche Kurtheater in Bad Kissingen, etwa 1890-1900 (© Wikicommons, Stadtarchiv Bad Kissingen)

Zum „Weltbad“ gehört: Musik

Mit der 1778 erteilten Zustimmung des Fürstbischofs Adam Friedrich von Seinsheim begann der Theaterbetrieb in Bad Kissingen. Mit mäßigem Erfolg, und erst mit einem 1856 errichteten Theaterneubau im Schweizerhausstil wurde auf eine angemessene Präsenz hingewirkt. Immerhin 400 Personen fanden darin Platz, allerdings fehlten Publikumsräume, die Bühnentechnik und die Künstlergarderoben ließen zu wünschen übrig, und brandschutztechnisch wurde von Anfang an Handlungsbedarf gesehen. Nur für den Sommerbetrieb gebaut, wurde das Theater nach fast fünfzig Jahren Betrieb abgerissen und ein Neubau geplant, der dem zum „Weltbad“ aufgestiegenen Ort entsprach.(1) Es eint die Kurorte, dass Räume für Theater und Musik unabdingbar für einen anspruchsvollen Kurbetrieb waren – und sind. Denn warum auch immer Menschen ihre vertraute Umgebung zwecks Genesung oder Erholung verlassen müssen: Gerade die Kraft und Wahrnehmungsart der Musik lenkt nicht nur vom Unbill der Lebensumstände ab; sie wirkt vielmehr unmittelbar und – neudeutsch – nachhaltig. In Thomas Manns Roman Der Zauberberg meint der Humanist und Aufklärer Settembrini: „Vor Natur und Musik muss gewarnt werden, handelt es sich bei deren Klarheit doch um ‚eine träumerische, nichtssagende und zu nichts verpflichtende Klarheit, eine Klarheit ohne Konsequenzen, gefährlich deshalb, weil sie dazu verführt, sich bei ihr zu beruhigen.‘ „(2)

Die Eingangsseite zum Kurtheater, gebaut von Max Littmann, 1904-05 (© Wilfried Dechau)

Das Ereignis im Kurort

1904 erhielt Max Littmann von der Bayerischen Regierung den Auftrag, einen Neubau aus Stein zu errichten, der bereits im Sommer 1905 mit Leoncavallos Oper Der Bajazzo in Betrieb genommen werden konnte. Die Proportionen des Baufeldes bedingten, dass der Theatersaal im Ganzen gestaucht wirkt, zudem sind Foyer, Treppen und Garderoben um hin herum angeordnet. Max Littmann gliederte die Front mit einer Art plastisch hervortretendem Eingangspavillon, was mit schwungvoll strukturiertem Vordach und Fenstern den Sandsteinbau elegant auflockert. In Schaukästen, die passgenau in die Umfassungsmauer eingesetzt sind, leuchtet heute farbenfreudig das Programmangebot 2026.

Durch das Vestibül und die seitlichen Gänge erreicht das Publikum den eigentlichen Theatersaal, der – wie auch der „Weiße Saal“ im Gebäudeensemble – mit einem Deckengemälde von Julius Mössel ausgestattet ist; es zeigt den „Flug der Kraniche“, ikonographisch auf Frühling, Glück und vieles andere Gute verweisend. Der Saal verfügt über 538 Sitzplätze.

Nach 1945 beschlagnahmten die Amerikaner den Bau, 1949 wurde der Theater- und Konzertbetrieb wiederaufgenommen – allerdings in eher seicht unterhaltender Version. Ein Ensemble gab es nicht, der Gastspielbetrieb bescherte Aufführungen mit O. W. Fischer und Maria Schell, Inge Meysel oder Horst Tappert. Es sangen hier in den 1960er- und 70er Jahren Rudolf Schock, Freddy Quinn und Karel Gott.

Am 11. Juni 2026, beim „Prolog“ vor dem Eröffnungsabend des Kissinger Sommers, vor dem Konzert. Seit einiger Zeit wird mit farbigem Licht in den Konzertsälen experimentiert. Meistens ist die Lichtinszenierung leider unprofessionell und konterkariert die Raumwirkung beziehungsweise die Saalarchitektur. (© Wilfried Dechau)

Kurtheater, Saalplan (© Kissinger Sommer)

Hören und Sehen

Mit dem 1986 ins Leben gerufenen „Kissinger Sommer“ ändert sich das Programm, wobei das Kurtheater aufführungstechnisch unzulänglich scheint: Keine versenkbare Dekorationsmöglichkeit, keine Drehbühne – all das, was Opernsanierungen wie in Stuttgart irrwitzig verteuert, stünde hier im Kurtheater auch an. Doch es stellt sich durchaus die Frage: Braucht man die Bühnen-High Tech-Aufrüstung wirklich?

Aktustisch lässt der Saal nichts zu wünschen übrig. Beim „Prolog-Konzert“ am 11. Juni 2026 mit Avi Avital und dem Between Worlds Ensemble geht es bisweilen jedoch etwas disco-artig zu, die Musiker – Alessia Tondo (Gesang), Lusca Tarantino (Gitarre und Barockgitarre), zudem eine Harfe und ein Schlagzeug sind mit Lautsprechern verstärkt, was in dem Saal überinstrumentiert klingt. Die Wände sind mit Stoff bespannt, Sitze sind gut gepolstert, die Raumgeometrie gewährleistet gutes Hören und Sehen. Wie so oft leidet beides allerdings auf den Sitzen unter den Balkonen. Atmosphärisch kann man das Kurtheater – ganz anders als den Max Littmann Saal oder basilikal konzipierten Rossini-Saal – durchaus als intim bezeichnen.

Kurtheater, Blick unter die Decke: Zug der Kraniche (©  Wilfried Dechau)

 

Auf- und Umgänge sind räumlich attraktiv und als Zwischenzonen zum Theatersaal wichtig. (© Wilfried Dechau)


(1) Denis André Chevalley, Stefan Gerlach: Die Stadt Bad Kissingen. In: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege (Hrsg.): Denkmäler in Bayern: VI.75/2), München 1998
(2) siehe dazu: Karl-Josef Müller: Auf dem Zauberberg steht ein Lindenbaum. Einige Überlegungen zur Bedeutung der Musik in Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“. https://literaturkritik.de/auf-dem-zauberberg-steht-ein-lindenbaum,30951.html

Literatur
Einzigartig. UNESCO Welterbe in Bayern. DI Bayern, Nr. 177/2022. https://www.blfd.bayern.de/mam/information_und_service/publikationen/di_177.pdf
https://www.unesco.de/staette/bedeutende-kurstaedte-europas/
Werner Eberth, Peter Ziegler: Das Kurtheater im Bade Kissingen. Theresienbrunnen-Verlag, Bad Kissingen 2015
Christian Schmidt: Die Welt zu Gast in der Rhön – Das Königliche Theater Kissingen. In: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege (Hrsg.): Denkmalpflege Informationen 158 (2014)
Thomas Ahnert, Peter Weidisch (Hrsg.): 1200 Jahre Bad Kissingen, 801–2001, Facetten einer Stadtgeschichte. (= Festschrift zum Jubiläumsjahr und Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung / Sonderpublikation des Stadtarchivs Bad Kissingen). Verlag T. A. Schachenmayer, Bad Kissingen 2001
Georg Dehio, Tilmann Breuer: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Bayern I: Franken – Die Regierungsbezirke Oberfranken, Mittelfranken und Unterfranken. 2., durchgesehene und ergänzte Auflage. Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 1999
Jakob Heilmann, Max Littmann: Das Königliche Theater in Bad Kissingen. Bruckmann Druck, München 1905
Ursula Baus

Herausgeberin Dr. Ursula Baus studierte zunächst Kunstgeschichte und Philosophie in Saarbrücken, dann Architektur in Stuttgart und Paris. War Redakteurin einer Fachzeitschrift für Architektur, gründete mit gleichgesonnenen Kolleg(inn)en 2004 die Partnerschaftsgesellschaft frei04 publizistik. Ist beziehungsweise war diversen Gremien, Stiftungen (Bundesstiftung Baukultur, stellv. Beiratsvorsitzende; Schelling Architekturstiftung, Vorstand), Kuratorien (IBA Basel) tätig. Als Lehrbeauftragte für Architekturtheorie und -kritik auch immer auf der Suche nach jungen Talenten. Ist vor allem an Grenzbereichen interessiert: Architektur, Stadt, Ökonomie, Politik – und Musik.