Die Martin-Luther-Kirche ist ein bestechend klarer Kubus auf quadratischem Grundriss mit etwa 25 Metern Seitenlänge. West- und Ostseite sind geschlossen, Nord- und Südseite komplett verglast. Die Kirche wurde von dem Kaiserslauterer Architekten Hansgeorg Fiebiger entworfen und in der Zeit von 1963-65 gebaut. Die Orgel ist die größte im Raum Neustadt, sie gilt klanglich als eine der hervorragendsten der Pfalz. Kein Wunder also, dass der Neustadter Orgelsommer nicht nur in der Stiftskirche, sondern auch in der Martin-Luther-Kirche (und in zwei weiteren Kirchen in der Region) stattfindet.


Martin-Luther-Kirche
Martin-Luther-Straße 44, 67433 Neustadt an der Weinstraße
Martin-Luther-Kirche
Gemeindebüro: Schütt 9, 67433 Neustadt an der Weinstraße

Zum Glück steht die Martin-Luther-Kirche unter Denkmalschutz. Das schützt sie vor den bösen Blicken jener, die ein so konsequent modernes Gebäude abschätzig als »Kiste« brandmarken. Es wird wohl noch einige Zeit vergehen, ehe Architektur dieses Ranges von der Allgemeinheit mit der Wertschätzung betrachtet wird, die sie verdient hat. Bäume im Topf und viel Grünzeug im Altarbereich lassen darauf schließen, dass auch die Kirche als Hausherr noch keinen Frieden mit der rigiden Klarheit des kubischen Raumes geschlossen hat.

Martin-Luther-Kirche, Innenraum, Nordfassade (Foto: Wilfried Dechau)

Nordfassade und Turm (Foto: Wilfried Dechau)

Martin-Luther-Kirche, Foto aus der Zeit 1960/1970. Bildarchiv Foto Marburg  (Foto: Karl Franz Keller, etwa 1960/1970, Bildarchiv-Nummer: fm1583869)

6. September 2026  Der gleiche Blick zeigt die »Verkrautung der Architektur« (Foto: Wilfried Dechau)

Cooler Entwurf für den Orgelprospekt

Ein Jahr nach Fertigstellung der Kirche wurde 1966 die in der Öttinger Orgelwerkstatt Steinmeyer bestellte Orgel geliefert und eingebaut. Die Gestaltung des Orgelprospekts orientiert sich nicht an althergebrachten Mustern und Formen. Die Handschrift des Architekten ist auf einen Blick erkennbar: Hansgeorg Fiebiger hat nicht nur das Gebäude, sondern, zur Klarheit des Raumes passend, auch den Orgelprospekt entworfen.

23. August 2026, Konzert im Rahmen des Neustadter Orgelsommers. Blick zur Orgelempore (Foto: Wilfried Dechau).

Die Westseite und der Turm sind in der Achse der Konrad-Adenauer-Straße weithin sichtbar. (Foto: Wilfried Dechau)

Matthias Thömmes schrieb über die Orgel: »Das Werk gilt klanglich als eines der hervorragendsten der Pfalz.« (Matthias Thömmes: Orgeln in Rheinland-Pfalz und im Saarland, Paulinus Verlag, 1981). Bei Organindex heißt es: »Als vielseitig erwies sich die Orgel in der Tat bei Interpretationen von Werken insbesondere der norddeutschen Barockzeit. Doch schon bei süddeutschen Meistern und erst recht bei zeitgenössischer französischer Literatur zeigten sich klangliche Defizite. So nahm man im Zuge der Kirchenrenovierung 1996/1997 auch die Restaurierung und Erweiterung der Orgel auf vier Manuale und 44 Register in Angriff. Sie ist damit die größte Orgel im Raum Neustadt.«

Spieltisch der Steinmeyer-Orgel mit vier Manualen und 44 (ursprünglich 32) elektropneumatisch bedienten Registern (Foto: Wilfried Dechau).

Mit Abstand die meisten Konzerte im Rahmen des Neustadter Orgelsommers finden/fanden in der Stiftskirche statt, zwei Konzerte in der Martin-Luther-Kirche und je eines in der Klosterkirche Lambrecht und in der Christuskirche Haßloch. Nun gibt es im Raum Neustadt noch eine weitere historisch bedeutsame Orgel, nämlich die Stumm-Orgel in der Protestantischen Kirche Haardt (Beitrag Haardt ist in Arbeit). Auf die Frage, warum denn diese Orgel nicht auch in den Reigen des Neustadter Orgelsommers aufgenommen worden sei, antwortete Simon Reichert, Organist an der Stiftskirche und Organisator des Orgelsommers: Es stimme wohl, was bei Wikipedia geschrieben wird, die Orgel sei aber das letzte Mal 1985 restauriert worden und sei daher zur Zeit leider nicht wirklich gut spielbar.

23. August 2026.  Die Organisten Sebastian Freitag, Dresden, und Simon Reichert, Stiftskirche Neustadt, an der Steinmeyer-Orgel (Foto: Wilfried Dechau)

Werke von Bach und über B A C H

Die Arp Schnitger nachempfundene Orgel von Bernhard Edskes in der Neustadter Stiftskirche feiert 2026 ihr zehnjähriges Jubiläum. Das wird – im Rahmen des Neustadter Orgelsommers 2026 mit insgesamt zwölf Konzerten gefeiert. Elf Organisten (aus Deutschland, England, Italien und Frankreich), ein Pianist und zwei Vokalensembles sind daran beteiligt.

23. August 2026.  Die Organisten Luca Scandali und Simon Reichert auf der Orgelempore (Foto: Wilfried Dechau)

Die große Überschrift des Orgelsommers 2026 lautet: Bach. Aber an der Steinmeyer-Orgel der Martin-Luther-Kirche, die mit vier Manualen und 44 Registern für romantisches und sinfonisches Orgelrepertoire prädestiniert ist, stehen neben Bach auch andere Namen auf dem Programm: Franz Liszt und Max Reger. Luca Scandali, Ancona, spielte Bachs Ciaconna, BWV1004, die Sicilienne BWV 1031 und Franz Liszts Präludium und Fuge über BACH. Und Sebastian Freitag, Dresden, trumpfte auf mit Max Regers gewaltigem Orgelwerk Phantasie und Fuge über BACH. Bei Scandali und Freitag donnerte und rauschte, pfiff und gurgelte es in einer gewaltigen Klangfülle und -stärke durch den Raum. Das hätten sie so hinreißend und mitreißend in der Stiftskirche nicht spielen können. Kein Wunder, dass sich Simon Reichert, Organist der Stiftskirche eine derart ausgelegte Orgel wünscht, mit der man auch anderes als J.S. Bach, Dietrich Buxtehude und Nikolaus Bruhns spielen kann. Er sammelt schon fleißig Spenden für die neue, die zweite, die größere Orgel, die für die Musikstadt Neustadt eine exzellente Bereicherung sein wird.


Martin-Luther-Kirche
Architekt: Hansgeorg Fiebiger, Kaiserslautern
Bauzeit: 1963-65 (Kirche), 1971 (Turm)
Orgel: Orgelwerkstatt Steinmeyer, Öttingen, 1966
Literatur: Matthias Thömmes: Orgeln in Rheinland-Pfalz und im Saarland, Paulinus Verlag, 1981

Wilfried Dechau

Lübecker. Studierte Architektur an der TU Braunschweig, war bis 2004 Chefredakteur der db. Initiierte 1994 den Europäischen Architekturfotografie-Preis, ist seit 1999 Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Photographie. Hatte bis 2014 die Fotogalerie f75. Verfasste rund ein Dutzend Bücher zu Architektur und Fotografie; zahlreiche Ausstellungen und Preise. Schwerpunkte seiner Fotografie sind Architektur und Porträt. Lebt in Neustadt an der Weinstraße.