Frühling, es beginnt die Festspielzeit. In Baden-Baden werden inzwischen sieben Festpiele jährlich präsentiert, den Auftakt machen die Osterfestspiele. In Baden-Baden steht 2026 Lohengrin auf dem Programm, Richard Wagners „rätselhafte Erlöserparabel (…) Mit dabei: die umjubelte Dirigentin Joana Mallwitz und Rachel Willis-Søensen und Piotr Beczala als tragisch scheiterndes Liebespaar“. (1)
Festspielhaus Baden-Baden gGmbH
Beim Alten Bahnhof 2, 76530 Baden-Baden
https://www.festspielhaus.de/

Ein kühler Märztag 2026, Osterfestspiele ohne die Berliner Philharmoniker und Courage zu einem Neubeginn. Lohengrin, Concertgebouw-Orchester, dirigiert von Joana Mallwitz, Regie führt Johannes Erath. Der Neubeginn scheint gelungen. (Foto: Wilfried Dechau)
Osterfestspiele – ein Prolog
1967 hatte Herbert von Karajan (1908-1989) „Osterfestspiele“ ins Leben gerufen – und zwar in Salzburg. Dort hatte der Architekt Clemens Holzmeister die Idee, hinter die Hofmarstallfassade und in den Mönchsberg hinein ein Theaterhaus mit einer Opernbühne und einem Zuschauersaal für 2.200 Gäste einzubauen, wofür 1956 bis 1960 etwa 55.000 Kubikmeter Felsen weggesprengt werden mussten. Das Projekt wurde damals staatlich finanziert, eine privat finanzierte „Fördererlounge“ im ersten Stock bietet erst seit 1995 exklusive Atmosphäre für Sponsoren und deren Gäste.
Die Berliner Philharmoniker bestritten die Salzburger Osterfestspiele, auf Karajan folgte 1991 Gerard Mortier als Intendant. Nach dem Bau des neuen Festspielhauses in Baden-Baden spielten die Berliner Philharmoniker allerdings von 2013 bis einschließlich 2025 in Baden-Baden. Erst mit der laufenden Saison 2026 kehrten sie nach Salzburg zurück, während in Baden-Baden – vom 28. März bis zum 6. April 2026 – nun das Royal Concertgebouw Orchestra aus Amsterdam, das Mahler Chamber Orchestra und das Bundesjugendorchester spielen, beginnend mit Wagners Lohengrin, unter der Regie von Johannes Erath. Marco Cirkovic (1993 geborener Komponist) kommentierte: „Schon der erste Einsatz [des Sängers Piotr Beczala] besaß jene seltene Qualität eines Tons, der nicht bloß erklingt, sondern den Raum in seinem Charakter verändert.“ So ist es oft: Musik verändert den Raum mit eigener Kraft, zum Guten – wie gelegentlich zum Schlechten.

Links der ehemalige Bahnhof, rechts die neuen Foyerbereiche. „Festlich“ wirkt hier wenig, kurze Bauzeit und einzuhaltende Kosten bewogen den Architekten, pragmatisch und primär funktional zu bauen. (Foto: Wilfired Dechau)
Baden-Baden – die Sichtweite nach Frankreich
„In der Gründungszeit gab es ein historisches Zeitfenster, beginnend mit einem passenden Gebäude“. In einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung (2) erläuterte Benedikt Stampa, gegenwärtig Intendant in Baden-Baden, wie das mit 2.500 Plätzen größte Festspielhaus der Republik wirtschaftlich mit einem recht einzigartigen privat-öffentlichen Fördermodell über die Runden kommt. Im Vergleich: In Bayreuth gibt es 1.937 Sitzplätze. In Baden-Baden, so der Musikwissenschaftler, sei der Begriff des Festivals überhaupt erst erfunden worden, genauer: von dem französischen Komponisten Hector Berlioz. Blick zurück: Nach wechselvoller Geschichte wird Baden-Baden mit seinem Thermalquellen im 19. Jahrhundert als Kurort ausgebaut und zur „Sommerhauptstadt Europas“, Paris ist für die herrschaftlichen Gäste die „Winterhauptstadt“. Die Spielbank und die nahegelegene Pferderennbahn Iffezheim bieten unterhaltsame Abwechslung – zu der auch Musik gehört. Bereits 1460 war die Hofkappelle der Markgrafen von Baden-Baden gegründet worden, sodass Musik im öffentlichen Leben eine lange, aber gelegentlich unterbrochene Aufführungstradition im Ort an der Oos hat.
Musikhauptstadt
Zurück ins 19. Jahrhundert. Wie in Kurorten und an Kurpromenaden üblich, wurde für Musik-Aufführungen ein Musikpavillon gebaut. (3) Der Bautypus ist verbreitet. 1824 bot in Baden-Baden zunächst ein hölzerner „Konzertkiosk“ etwa 16 Musikern Platz.

Schmiedeeiserner Pavillon an der Baden-Badener Kurpromenade, Architekt ist Charles Polycarpe Séchan. (Bild: Wikimedia Commons, Stereo-Fotografie zwischen 1850-1880; Rijksmuseum RP-F-F17826-AJ)
1858 entstand dann nach Plänen Charles Polycarpe Séchans an gleicher Stelle ein Pavillon aus Schmiedeeisen, der immerhin Orchestern mit rund vierzig Musikern angemessenen Raum bescherte. Und für seine gute Akustik war dieser Pavillon geradezu legendär. 1912 wurde er abgerissen und durch eine Konzertmuschel des Architekten August Stürzenacker ersetzt. Aufführungsorte waren auch das alte, aus Holz gebaute und 1820 abgerissene Theater der Stadt und die Säle des Kurhauses. Die Geschichte der Philharmonie Baden-Baden und zahlreiche Abbildungen lassen sich online nachlesen- und sehen. (3)
Niccolò Paganini, Henri Vieuxtemps, Franz Liszt kommen nach Baden-Baden, 1852 dirigiert zum ersten Mal Hector Berlioz, der wohl von einem „Festival“ gesprochen hat und 1862 ein neues Theater in Baden-Baden mit der Uraufführung seiner Oper Béatrice et Bénédict einweiht.
Musik, Fest und Spiele
Als Richard Wagner 1859 zum ersten Mal Baden-Baden besucht, stehen für Konzerte der Musikpavillon und Räume im Kurhaus zur Verfügung. 1871 kommt er wieder. Der in Baden-Baden ansässige, in ganz Europa renommierte Musikkritiker Richard Pohl und Franz Liszt regten an, für Richard Wagner ein Festspielhaus zu bauen, wofür der Bürgermeister ein Grundstück zur Verfügung stellt. Aber 1874 lässt Wagner wissen, dass er sich für ein Festspielhaus in Bayreuth entschieden habe.
Die lebhafte, prominente Musikszene in Baden-Baden entwickelt sich kontinuierlich und blüht nach dem Zweiten Weltkrieg wirtschaftswundermäßig auf. Gespielt wird in den Sälen des Kurhauses – Weinbrennersaal und Bénazetsaal, auch im Florentinersaal des Casinos. Das Philharmonische Orchester konzertiert mit Stars wie Placido Domingo, Julia Migenes, José Carreras, Agnes Baltsa, Grace Bumbry und vielen anderen, sodass seit den frühen 1990er Jahren Gedanken an ein neues, größeres Festspielhaus nicht ausbleiben.

Die Decke des ehemaligen Bahnhofsgebäudes, das unter Denkmalschutz steht und jetzt als Eingangsbereich mit Kartenverkauf dient. (Foto: Wilfried Dechau)
Der Bahnhof wird zum Festspielhaus-Entrée
Architekt des jetzigen Festspielshaus war der Wiener Wilhelm Holzbauer (1930-2019), der sich zu anpassungsfähiger, pragmatischer Grundhaltung bekannte und zum Vorhaben der Beteiligten konfliktlos passte. Die Vorgeschichte des Bauprojektes, das aufgrund privater Organisation ohne einen Architekturwettbewerb in Gang kam, ist von der Herausgeberin seinerzeit in der db deutsche bauzeitung genauso aufgegriffen worden wie das Ergebnis, also: die Architektur des Festspielhauses.(6) Nun zeigt der Blick in den Saal, dass kaum etwas Festliches zu erkennen ist: Schmucklose Wände, Brüstungen und eine technoide Decke sind auch nicht durch den gespendeten, recht einfallslos gestalteten Kronleuchter wettzumachen. Dennoch lässt der Saal aktustisch kaum zu wünschen übrig.
Die Sitzabstände sind knapp bemessen, wenn man zu spät kommt und in die Mitte der Reihe möchte, müssen Sitzende aufstehen. Also: pünktlich kommen!
Die Bühnentechnik ist robust, als Hebetechnik im Bereich der Bühne dienen vier Spirallifte mit je 75.000 Watt, die zugleich als Lastenaufzug fungieren. Zum Beispiel für die Konzertflügel, zwei Steinways stehen bereit.

Die Besuchergruppe sitzt auf den besten Plätzen im ersten Rang, dort sind die reservierten Sponsoren-Plätze. (Foto: Wilfried Dechau)
Finanzierungsmodelle
Oberbürgermeister Ulrich Wendt initiierte 1997 den Umbau des alten Bahnhofs, der näher an der Innenstadt liegt als der heutige. Das Projekt wird als primär privatwirtschaftlich bezeichnet, zu den Erträgen einer Stiftung und privaten Spenden kommen allerdings auch Gelder von Stadt und Land dazu. Seinerzeit gründeten die Musikliebhaber Karlheinz Kögel, Ernst H. Kohlhage, Hugo und Rose Mann, Walter Veyhle und Alberto Vilar die Kulturstiftung Festspielhaus Baden-Baden, Horst Weitzmann wird Vorsitzender des Stiftungsvorstands. Das Baunetz schrieb am 17. April 1998: „Das Finanzierungsmodell des kulturellen Großprojekts ist interessant: Fast ausschließlich private Investoren haben das über 100 Millionen Mark teure Vorhaben finanziert, die Südwest-LB legte dazu einen Immobilienfonds auf. Auch die Stadt, die das Baugrundstück kostenlos zur Verfügung stellte, und das Land, das einen großzügigen Mietzuschuß gewährte, halfen mit.“(5)
Die Förderer und Sponsoren lassen sich hier an einer Wand im Foyer durchaus „feiern“. Wie in der Hamburger Elbphilharmonie wird dort nicht etwa mit einem individuell zu gestaltenden, den Raum bereichernden Wandkunstwerk einem Musiker Ehre erwiesen. Vielmehr wird auf die Geldgeber hingewiesen. In Baden-Baden wären Hector Berlioz oder der hier verstorbene Pierre Boulez zu würdigen, in Hamburg zum Beispiel der dort geborene Johannes Brahms. Im Fußball ist es nicht anders: Der VfB Stuttgart spielte mal im Neckarstadion, dann hieß es Gottlieb-Daimler-Stadion, dann Mercedes-Benz Arena, seit 2023 ist es das MHP Stadion. Der FC Bayern kickt in der Allianz Arena. Da lobt man sich den 1. FC Kaiserslautern, der im Fritz-Walter-Stadion sein Glück sucht.

In der Eingangshalle ist rechts das Toccarion erschlossen – hier werden Kinder an Musik und Musikinstrumente herangeführt. Links daneben wurde in ehemaligen Wartesaal der Fahrgäste der 1. Klasse und des Adels das Restaurant „Aida“ eingerichtet. (Bild: Wilfried Dechau)
Nachwuchs
Im eingangs rechten Seitenflügel bietet das Toccarion, getragen von der Sigmund Kiener Stiftung, Kindern und Jugendlichen die Chance, Musik und das Musizieren zu entdecken, kennenzulernen und zu üben. Geradezu vorbildlich wird hier deutlich, dass jungen Menschen, ergänzend zum mehr oder weniger guten Musikunterricht in der Schule, Angebote gemacht werden müssen, die nicht via Bildschirm funktionieren können.

Hinter der langen Fassade des ehemaligen Bahnhofs tritt der 28 Meter hohe Bühnenturm vergleichsweise dezent in Erscheinung. (Foto: Wilfried Dechau)
Festspiele 2026
Das Festspielhaus verfügt über kein Ensemble und wird von etwa achtzig Festangestellten in Betrieb gehalten. Den Oster- folgen die Pfingstfestspiele mit dem SWR Symphonieorchester (17. bis 24. Mai 2026), dann die Sommerfestspiele „La Capitale d’Été“ (26. Juni bis 12. Juli 2026), das Tanzfestival „The World of John Neumeier“ (1. bis 11. Oktober 2026), die Herbstfestspiele „La Grande Gare“ (7. bis 15. November 2026) und schließlich die Winterfestspiele (11. bis 20. Dezember 2026), hier in einer Übersicht. Das Programm ist abwechslungsreich und anspruchsvoll, die zu erwartenden Gäste von nah und fern stärken die Attraktivität der Stadt, in der der SWR eine Heimat hat. Als Kurort und Wohnort begüterter Senioren geht das Konzept auf, das Festspielhaus mit recht hohen Ticketpreisen zu vermarkten.

Die Besichtigung des Festspielhauses ist sehr zu empfehlen, weil man das gesamte Haus mit seiner technischen Ausstattung sehen kann. Am Tag der Generalprobe darf kein Foto von der Bühnendekoration aufgenommen werden. (Foto: Ursula Baus)




