Musikpavillon, Musikmuschel, Konzertmuschel, Kurkonzert, Kurorchester, Salonorchester – Begriffe, die einer vergangenen Zeit angehören. Kurkonzerte waren im 19. Jahrhundert fester Bestandteil in Kurorten, sie gehörten als Freizeitgestaltung zur Badekultur der Kurgäste. An Strandpromenaden vermischt sich das Wind- und Meeresrauschen mit der Musik in abwechslungsreicher Weise.


Musikpavillon, »Musik am Meer«
Wyk auf Föhr, Promenadenweg
Musik am Meer, Föhr

Wyk auf Föhr, Musikpavillon an der Strandpromenade. Noch sieht man dem Pavillon seine Funktion nicht an, aber dem Plakat kann man entnehmen, wann die Fensterfront aufgefaltet wird und die Musik spielt (Foto: Wilfried Dechau, 2026).

Wyk auf Föhr, Musikpavillon an der Strandpromenade. Heute gibt’s Irish Folk (Foto: Wilfried Dechau, 2026).

Vielerorts wurden damals Konzertmuscheln gebaut, um die Akustik der in den Kurparks auftretenden Kurorchester zu verbessern. Kurorte wie Baden Baden, Wiesbaden, Bad Ischl oder Marienbad hatten eigene Kurorchester – einige wenige davon bestehen noch bis heute, zum Beispiel in Bad Kissingen und Bad Reichenhall. In der Regel waren es kleinere Ensembles mit eher populärem Repertoire, meist mit umgeschriebenen Stücken aus Oper und Operette, in jüngerer Zeit aus Schlagern und Filmmusik.

Was blieb, sind die Bauten. Manche stehen nur noch herum und man weiß nicht so recht, ob sie noch genutzt werden. Manche werden noch bespielt. Doch wenn sie bespielt werden, dann – hinsichtlich des musikalischen Anspruchs – eher stark popularisiert.

Eine einzigartige Form für Konzerte am Meer (Foto: Wilfried Dechau, 2006).

Die Kurmuschel in Saßnitz wurde zwar mit Hilfe der Wüstenrot-Stiftung vorbildlich erhalten, aber eigentlich nur um ihrer selbst willen. Genutzt wird sie nicht mehr (Kurmuschel, Sassnitz).

Musikpavillon beim Strandhaus Döse, Steinmarner Seedeich, Cuxhaven (Foto: Wilfried Dechau, 2025)

Der zum 1955 auf dem Steinmarner Seedeich vom Hamburger Architekten Walter Söhnker erbauten Strandhaus Döse (Cuxhaven) gehörende Musikpavillon ist gut erhalten, ist aber in den letzten Jahren nur selten bespielt worden. Im Programm des Mare Musik Festivals Cuxhaven (22. bis 25. Mai 2026) taucht der Musikpavillon als Spielstätte nicht auf. Bei Youtube findet sich die Aufnahme eines Jazzkonzerts vom 9. Juli 2023 (Mr.SwingOK: Saxophon, Trompete, Schlagzeug, Sängerin). Ob und wie stark das Konzert besucht war, ist aus dem nur auf die Bühne gerichteten Video nicht zu ersehen.
Das Strandhaus Döse und der Musikpavillon stehen unter Denkmalschutz.

Westerland, Sylt, Musikmuschel an der Strandpromenade (Foto: Wilfried Dechau, 2026)

Die Musikmuschel an der Strandpromenade von Westerland wird nicht nur modisch bunt beleuchtet (Bild), sondern in der Saison auch bespielt. Heute morgen, am 11. Juli 2026, um 11 zum Beispiel spielte dort Hanno’s Beach Band »Pop- und Unterhaltungsmusik sowie Schlager, Evergreens und Musicalmelodien, die direkt ins Tanzbein gehen.« (Sylt-Website).

Heilbad Heiligenstadt, marode Musikmuschel. Ob sie wieder aktiviert wird? Um die Ecke stehen noch eine Menge weiß gestrichener Bänke, die auf ihren Einsatz warten (Foto: Wilfried Dechau, 2024). Inzwischen wurde das Kleinod teilweise abgerissen und wird originalgetreu wieder aufgebaut (Thüringer Allgemeine, 31.7.2025).

Manche Konzertmuscheln verfallen und verrotten (Heiligenstadt, wird wieder aufgebaut, siehe oben). Andere wurden bereits abgerissen. Die 1980 von Ulrich Müther als Orchesterpavillon gebaute, nur 6 mm dicke Holzgitternetzschale in Ralswiek wurde 2012 abgerissen.

Wyk auf Föhr, Musikpavillon an der Strandpromenade. 28. Juni. Nachmittagsvorstellung. Heute spielt das Duo Tone Fish (Foto: Wilfried Dechau, 2026).

»Musik am Meer«, Der Musikpavillon an der Strandpromenade von Wyk auf Föhr entspricht so gar nicht dem üblichen Typus der Musikmuschel. Wird dort nicht gespielt, sind »alle Schotten dicht«, will sagen: zur Promenade hin ist die aufklappbare Fensterfront geschlossen. Der strohgedeckte, 5,60 x 6,60 Meter große, kompakte Ziegelbau wurde 1947 entworfen und 1949 gebaut (Architekt: Georg Wellhausen, Hamburg). Der Bau erinnert an eine Kaffeemühle, der auf der Spitze des Daches nur noch die Kurbel fehlt – er könnte ebenso gut einen kleinen Lesesaal oder das Tourismusbüro beherbergen. Erst die Bankreihen und ein Plakataufsteller machen darauf aufmerksam, dass hier »von 11 bis 12 Uhr, von 15 bis 16 Uhr und von 20 bis 21 Uhr« Musik gemacht wird.

Heute gibt’s Irish Folk (Foto: Wilfried Dechau, 2026)

Als ich Ende Juni dort war, spielte das Duo »Tone Fish« Irish Folk. Das ist nicht gerade meine Lieblingsmusik und hat mit dem Ursprung, der Salonmusik des 19. Jahrhunderts nicht mehr so viel gemein. Aber man kann dort (am besten im Schatten) sitzen, vor sich hin dösen und der Gitarre, der Flöte und dem Gesang lauschen. Die Töne werden vom Wind nicht davongetragen – der bläst hier auf der Ostseite der Insel nicht gar so stark.

 

Wilfried Dechau

Lübecker. Studierte Architektur an der TU Braunschweig, war bis 2004 Chefredakteur der db. Initiierte 1994 den Europäischen Architekturfotografie-Preis, ist seit 1999 Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Photographie. Hatte bis 2014 die Fotogalerie f75. Verfasste rund ein Dutzend Bücher zu Architektur und Fotografie; zahlreiche Ausstellungen und Preise. Schwerpunkte seiner Fotografie sind Architektur und Porträt. Lebt in Neustadt an der Weinstraße.