Der in der ehemaligen DDR tätige Bauingenieur Ulrich Müther (1934-2007) gehört zu den großen Schalenkonstrukteuren des 20. Jahrhunderts.  In Sassnitz auf Rügen baute er 1987 mit Dietmar Kuntzsch und Otto Patzelt eine Konzertmuschel, also einen Musikpavillon bestimmten Formentyps, der durchaus verbreitet ist und die kleine Variante des Open Air-Konzerts behaust. Leider finden in Sassnitz kaum noch Konzerte statt.


Konzertmuschel Sassnitz
Kurplatz, 18546 Sassnitz
https://www.muether-archiv.org/de/bauten/detail/d/musikpavillon_kurmuschel_sassnitz_1986_1988

Eine einzigartige Form für Konzerte am Meer (Foto: Wilfried Dechau)

Die Konzertmuschel (»Kurmuschel«) in Sassnitz habe ich häufig aufgesucht und immer wieder fotografiert. Als ich 1999 zum ersten Mal dort war, standen viele Bankreihen rund um die Muschel. So als wäre das Publikum gerade gegangen und ich hätte das Konzert gerade eben verpasst. Von Stuhlreihen umringt habe ich die Konzertmuschel für das Ulrich Müther gewidmete Buch »Kühne Solitäre« (1) fotografiert, das im Jahr 2000 herausgekommen ist.

Sassnitz, Kurmuschel, Juli 1999, Repro aus dem Buch »Kühne Solitäre« (Foto: Wilfried Dechau)

Von April 2006 bis Juli 2007 war ich beinahe ständig in Sassnitz. Ich habe den Bau der Fußgängerbrücke von der Kliffkante hinunter zum alten Fährterminal mit der Kamera begleitet. Wenn es während der Zeit ein Konzert in der Muschel gegeben hätte, wäre es mir sicher nicht entgangen. Allmählich konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass dort nie Musik gemacht werde. Aber wahrscheinlich war ich nur immer zur falschen Zeit am falschen Ort.

Bei ersten Entwurfsskizzen hat der Architekt Dietmar Kuntzsch noch an konvex gewölbte Dachsegmente gedacht. In der dann folgenden Zusammenarbeit mit Ulrich Müther wurden sie konkav (Skizze: Dietmar Kuntzsch, 1984).

Über 80 Jahre stand an gleicher Stelle – auf dem Kurplatz in Sassnitz – eine große, halbkugelförmige »Musikmuschel«, in der Kurkapellen aufspielten. Anfang der 1980er Jahre mußte sie wegen Baufälligkeit abgerissen werden. Der Architekt Dietmar Kuntzsch (1936-2023) entwarf 1984 ein Nachfolgebauwerk, das dann – zusammen mit Otto Patzelt und Ulrich Müther – an gleicher Stelle errichtet wurde. Dietmar Kuntzsch hatte die Vorstellung, die Muschel sollte schon aus der Ferne, zum Beispiel von vorbeifahrenden Ausflugsdampfern auf dem Weg zum Königsstuhl, als unübersehbare Landmarke wirken.

Blick vom Schiff aus auf Sassnitz und die Kurmuschel, die schon aus der Ferne sichtbare Landmarke (Foto: Dietmar Kuntzsch, 1990)

Über Ulrich Müther, mit dessen Hilfe die Kurmuschel 1987/88 realisiert werden konnte, schrieb Dietmar Kuntzsch 2001: »Er war der Motor für ostdeutschen Schalenbau. Auch einige Bauherren und Funktionäre des Systems zählten dazu, Architekten und progressive Statiker, geschickte Flechter und Torkretierer. (…) Ohne Ulrich Müther jedenfalls stünde die Kurmuschel nicht, nicht ohne Otto Patzelt und mich und unseren Modellbauer, der mit uns experimentierte, und einen Betonbauer von Mukran, der uns einige Kipper voll Beton spendierte.«(2)

Blick vom Wasser 2006, oben und nach der Sanierung 2018, unten (Foto: Wilfried Dechau)

2016 wurde die Schale mit Hilfe der Wüstenrot Stiftung sorgfältig saniert. Unter anderem wurde auch Dietmar Kuntzschs ursprüngliches Farbkonzept wieder hergestellt: auf der Landseite, also zum Konzertpublikum hin Anstriche in hellen Ocker-Abstufungen, vom hellsten Ockerton in der Mitte zu immer dunkleren Ockertönen der Schalen-Segmenten zum Rand hin.

12. März 2024, verwaister Kurplatz mit sanierter Kurmuschel (Foto: Wilfried Dechau)

Im Telefongespräch mit Frank Biederstaedt, dem Leiter des Stadtarchivs Sassnitz wurde mir klar, woran es liegt, dass die Kurmuschel kaum noch benutzt wird. Es hat auf vertrackte Weise mit der Wende zu tun. Zu DDR-Zeiten war der gesamte Hafen- und vor allem der Fährhafenbereich für DDR-Bürger gesperrt. Man konnte nur vom Ende der Bahnhofstraße, dem »Sachsenblick«, auf die aus- und einfahrenden Fährschiffe schauen (und von fernen Ländern träumen). Das heißt, Tourismus-Aktivitäten konzentrierten sich vor der Wende auf den Bereich rund um den Kurplatz. Nach der Wende zog es die Touristenschwärme zum Hafen und zum ehemaligen Fähranleger. Damit war der Kurplatz abgehängt. Auf der Bühne der Kurmuschel findet inzwischen höchstens noch ein zwei Mal pro Jahr etwas statt. Meist sind es Youngster, die dort mit ihren Bands auftreten (»Ostseesternchen«). Auch das viele Jahre auf dem Kurplatz gepflegte, sommerliche »Vollmondfest« mit Theateraufführungen und Konzerten wurde inzwischen gestrichen. Schade. Man wünscht der Kurmuschel das ihr zustehende Revival. wd


(1) Wilfried Dechau: Kühne Solitäre, Ulrich Müther, Schalenbaumeister der DDR, db das buch, Deutsche Verlags-Anstalt, 2000
(2) zitiert aus einem am 2. August 2001 an mich gerichteten Fax von Dietmar Kuntzsch.
Wilfried Dechau

Lübecker. Studierte Architektur an der TU Braunschweig, war bis 2004 Chefredakteur der db. Initiierte 1994 den Europäischen Architekturfotografie-Preis, ist seit 1999 Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Photographie. Hatte bis 2014 die Fotogalerie f75. Verfasste rund ein Dutzend Bücher zu Architektur und Fotografie; zahlreiche Ausstellungen und Preise. Schwerpunkte seiner Fotografie sind Architektur und Porträt. Lebt in Neustadt an der Weinstraße.