Die Stadt rühmt den Saalbau als „Verwandlungskünstler“. Tatsächlich kann man nicht einfach von einem Mehrzwecksaal reden, denn als solcher war das ursprünglich 1871-73 gebaute Veranstaltungszentrum nicht geplant. Die Pfalz gehörte seinerzeit zum Königreich Bayern, was erklärt, dass ein Münchner Architekt beauftragt wurde: Albert Geul, Professor für Baukunst am Münchner Polytechnikum. Zerstörung und Wiederaufbau geben dem Saalbau heute ein heterogenes Erscheinungsbild.
Hier gastiert die Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, das Mandelring Quartett spielt in den Wintermonaten vier Konzerte, weitere Konzertreihen zeugen von dem hohen Musikniveau in der Stadt.
In einer von der Süddeutschen Zeitung initiierten Untersuchung der Gema zu „Musikstädten“ des Landes wurde Neustadt an der Weinstraße eine herausragende Position zugewiesen. Unter anderem wurden 113 „Mittelstädte“ verglichen, Neustadt erreichte den 6. Platz vor Baden-Baden, Fulda oder Ravensburg!
oben: Aufführung des Weihnachtsoratoriums im Dezember 2025 (Bild: Wilfried Dechau)
Saalbau, Neustadt an der Weinstraße
Bahnhofstraße 1, 67434 Neustadt
https://www.neustadt.eu/B%C3%BCrger-Leben/Kulturprogramm/Stadthalle-Saalbau/
Geplant war Mitte der 1870er Jahre für Neustadt an der Haardt eine Kombination aus Bahnhofsrestaurant, einem großen Festlokal und einem Kasino, wozu ein Wettbewerb ausgelobt worden war. Im Preisgericht saßen Hoffmann aus Wiesbaden, Leins aus Stuttgart und Neureuther aus München, die befanden, dass keiner der 25 eingereichten Entwürfe völlig zufriedenstelle. Zweckmäßige Raumdisposition bewerteten sie höher als künstlerische Fassadengestaltung, so dass sie die Entwürfe von Albert Geul auf den zweiten Platz, jene von Jacob Lieblein aus Frankfurt auf den ersten Platz setzten. (1) Beauftragt wurde schließlich Albert Geul, der den Grundriss von Lieblein aufgriff und künstlerisch in von Gottfried Semper beeinflusster Neorenaissance baute. Stadträumlich waren Bahnhof, Saalbau und Innenstadt exzellent aufeinander bezogen. 1930 kam ein architektonisch sehr anspruchsvoller Theateranbau dazu.

Der Neustadter Saalbau ist unmittelbar am Hauptbahnhof gelegen, zur Stadtmitte hin derzeit noch über eine Fußgängerunterführung unter einer Bundesstraße zu erreichen. (Bild: Wilfried Dechau)
Ein Großbrand in der Nacht vom 24. auf den 25. November 1980 beschädigte den Saalbau schwer, das Innere brannte völlig aus. 1982-84 wurde der Saalbau „wiederaufgebaut“, nach Votum des Stadtrates ohne den Theateranbau, allerdings mit neuem Restaurant, das nicht mehr in Betrieb und stadträumlich in seiner postmodernen Beliebigkeit kein Gewinn ist.
Foyer (Marmor, Messing) und Saal (Kreise und abegrundete Holzbekleidung) geben deutlich den postmodern angehauchten Geschmack der 1980er Jahre wieder, der Wiederaufbauphase des Saalbaus. Das Foyer erstreckt sich über zwei Etagen, die in den beidseitigen Treppenaugen mit dekorativen Leuchten inszeniert sind. Textile Auslegware für Stufen und an Brüstungen wirken einem allzu hohen Schallpegel in den Foyers entgegen.
Akustik und Equipement
Für den Saal selbst rückte die Akustik in den Vordergrund. Die Rheinpfalz erläuterte rückblickend, wie ein Akustik-Experte aus Berlin verpflichtet wurde, „dem es gelang, den Saal ‚trocken‘ zu machen. Für die Halligkeit ergab sich dann plötzlich auch eine Option: Die niederländische Firma Philips hatte eine neue, sogenannte MCR-Anlage aus Dutzenden Mikrofonen und Lautsprechern entwickelt. Der frühere OB erzählt, dass er damals mit einer Delegation nach Eindhoven fuhr, um die Anlage zu begutachten. Als Experte sei der Dirigent der Liedertafel dabei gewesen. Vor Ort wurde die Neuentwicklung für gut befunden und für den Saalbau gekauft. Dass sie in den 1990er-Jahren nach seiner Amtszeit außer Betrieb genommen wurde, kann Ohnesorge bis heute nicht verstehen.“ (2) Für die Gestaltung des Vorhangs wurde der Künstler Victor Vaserely gewonnen.
Errichtet als Festhalle, verfügt der doppelgeschossige Saalbau heute über bis zu 1450 Plätze.
Nach Angaben der Betreiber bietet der Saalbau
– eine größenvariable Bühne im „Mittelbühnenformat“
– zusätzlich zwei Vorbühnen zur individuellen Größengestaltung oder als Orchestergraben versenkbar
– ausreichend Elektro- und Handzüge
– perfekte Licht- und Tontechnik für alle Anforderungen
– ausgezeichnete Akustik durch besondere Deckengestaltung
– ideale Anfahrtswege sowie Ein- und Auslademöglichkeiten
– Foyer als Merchandisingbereich nutzbar
– bei Bedarf Konzertmuschel einsetzbar
– zwei Steinway-Konzertflügel
– Podeste für variable Bühnenaufbauten
– ausreichende Künstlergarderoben.

Für ein Streichquartett wird eine Mobile, elementierte Wand auf der Bühne aufgestellt. (Foto: Wilfried Dechau)
„Konzertmuschel einsetzbar“ erweist sich, wenn Streichquartette, Trios oder andere Kammermusikformate aufgeführt werden, als schwierig. So steht dann beispielsweise bei den Konzerten des Mandelring Quartetts eine Art Stellwand hinter den Musikern, damit der Klang nicht vom Vasarely-Vorhang „geschluckt“ wird. Zudem ist der Saalbau für Kammerkonzerte eigentlich zu groß. In Neustadt fehlt ein Raum, der in der Größenordnung bis rund 400 Sitzplätze als Kammerkonzertsaal mit Mehrzweckfunktionen – zum Beispiel gemeinsam von Schulen als Aula – genutzt werden könnte.
Optionen bieten sich hier wie in sehr vielen anderen Städten bei Gelegenheit auch in profanierten Kirchen, die mit kultureller Nachnutzung bereichern können.

Für Veranstaltung geselliger oder informativer Art lässt sich die Festsaal-Ebene horizontal ausrichten und umfunktionieren. Hier ist der Vasarely-Vorhang als Bühnenhintergrund zu sehen. (Bild: Ursula Baus)
Lage und Stadtraum
Bedeutend aufgewertet wird der Saalbau im Zuge der Sanierung des Bahnhofsvorplatzes (2026). Der Platz wird mit einem Hotelneubau zwischen Bahnhof und Saalbau (2027) geschlossen und dank eines zumindest geplanten, ebenerdigen Fußgängerübergangs mit der Stadtmitte verbunden – wie es schon in der Entstehungszeit des Saalbaus war.









