1928-30 gebaut, bezeugt die Rudolf-Oetker-Halle, wie wichtig privates Engagement im Konzertwesen ist. Es begann 1819-20 in Bielefeld mit einem Musikverein, mit einem Chor, der ab 1886 von Wilhelm Lamping – dem später ersten Städtischen Musikdirektor Bielefelds – geleitet wurde. Ihm ist zu verdanken, dass statt Laien- und Militärmusikern 1890 ein Städtisches Orchester mit 36 Musikern gegründet wurde, aus dem die Bielefelder Symphoniker hervorgehen sollten. Die Rudolf-Oetker-Halle wurde von Lamping initiiert, der auf den Industriellen Rudolf Oetker zugegangen war.


Rudolf-Oetker-Halle, Konzerthaus Bielefeld
Lampingstraße 16, 33615 Bielefeld
https://www.buo-bielefeld.de/rudolf-oetker-halle

So war es Lina Oetker, die 1925 »eine größere Summe« zum Bau der Konzerthalle zur Verfügung stellte, zum Andenken an ihren im Krieg gefallenen Sohn Rudolf, dem schon in jungen Jahren eine »vernünftige Konzerthalle« ein ernstes Anliegen war. Wilhelm Lamping entwickelte das Raumprogramm, ließ Kosten zwischen 600.000 und 700.000 DM schätzen, vereinbart wurden vor Baubeginn 1.500.000 Mark, die Orgel nicht inbegriffen.

Der zunächst ins Auge gefasste Bauplatz im Museumsgarten vor dem Ratsgymnasium wurde leider verworfen. Man hätte dort nicht in der gewünschten Größe bauen können – angestrebt war ein Konzertsaal mit 1.500 Sitzplätzen. Stattdessen entschied man sich für einen Bauplatz recht weit außerhalb der Stadtmitte. Bereits damals wurde Kritik an dem Standort laut: Die Entfernung sei für den Bürger unzumutbar, eine Straßenbahn müsse bis dorthin geführt werden.

Mit der Straßenbahn kommt man inzwischen ganz bequem bis zur Rudolf-Oetker-Halle (und nach dem Konzert auch wieder weg!).

Nun gut, die Straßenbahn gibt es inzwischen. Auf dem Hinweg in ein Konzert – hier am 12. Januar 2026 zu Fuß gelaufen – sollte man vom Theater am Alten Markt aus gut eine halbe Stunde planen – bei schlechtem Wetter ist man auf nassen Wegen, tauenden Schneeresten ausweichend, stadtauswärts der Ausfallstraße folgend unterwegs. Mit der Straßenbahn ist es natürlich etwas bequemer. Dennoch halte ich die damalige Entscheidung aus städtebaulicher Sicht nach wie vor für falsch.

Rudolf-Oetker-Halle, 1950 (historische Postkarte, ohne Fotografennennung, Wikimedia Commons)

Zum Wettbewerb (für den neuen Standort) waren seinerzeit 113 Arbeiten eingegangen, in der Jury wirkten German Bestelmeyer aus München und Heinrich Tessenow, zudem, und das war ambitioniert, der renommierte Raumakustiker und später überzeugte Hitler-Anhänger Eugen Michel (1873-1946) von der TH Hannover. Selbstverständlich agierten Lina Oetker und die Witwe des gefallenen Rudolf Oetker, Ida Kaselowsky in der Jury. (1) Einstimmig wurde der Entwurf der Düsseldorfer Architekten Hans Tietmann (1883-1935) und Karl Haake (1889-1975) als Sieger gekürt. Im Protokoll hieß es: »Die Stellung der Baukörper fügt sich in selbstverständlicher Weise ins Gelände ein und schafft genügend Raum für die Anfahrtsverhältnisse. Der Grundriss ist klar entwickelt und entspricht allen wesentlichen Anforderungen. Die Innenarchitektur des großen Saales ist von strenger Sachlichkeit und findet in der äußeren Architektur einen würdigen Ausdruck. Der architektonische Aufbau des Ganzen ist von großer melodischer Schönheit, an der Eingangsseite vielleicht noch von etwas zu starkem Pathos.«

Lincolncenter, New York, erbaut 1959, Architekt: Wallace Harrison (1895-1981). Foto: Oktober 1981. Harrison dürfte die Rudolf-Oetker-Halle gekannt haben – er hat die schlanken, hochgereckten Bogenstellungen übernommen und leicht variiert.

Nun, das Pathos blieb. So ist auf den ersten Blick deutlich, dass es sich bei diesem in einen Park eingebetteten Gebäude weder um eine Versicherung noch um eine Sparkasse handelt.

Grundriss Erdgeschoss (Bild: Wannenmacher und Möller). Die Halle erlitt 1944 Kriegsschäden, die – wie auch notwendige Änderungen und Ergänzungen in den 1970er Jahren – mit finanzieller Unterstützung des Unternehmens Oetker behoben wurden. 2018 wurde das Foyer von den Architekten Wannenmacher & Möller umgebaut.

Die Zusammenarbeit von Architekten, Akustiker und dem technisch verantwortlichen Bauamt verlief sehr gut, auch wenn hier und da gespart und qualitativ schlechtere Materialien verwendet wurden. Am 31. Oktober 1930 wurde die Halle mit Johannes Brahms‘ 1. Symphonie c-Moll, Johann Sebastian Bachs Passacaglia c-Moll, dem Violinkonzert D-Dur und der Ouvertüre zur Oper Leonore von Ludwig van Beethoven eröffnet.

In der Rudolf-Oetker-Halle gastierten später bedeutende MusikerInnen – die Berliner Philharmoniker, die Wiener Symphoniker, zudem Claudio Arrau, Gidon Kremer, Yehudi Menuhin, Maurizio Pollini oder Martha Argerich.

Rudolf-Oetker-Halle, Kleiner Saal. Vier Kontrabassisten der Bielefelder Philharmoniker spielen ein Stück von Jan Alm: »Kvartett för 4 kontrabasar«

Am 12. Januar 2026 gab es ein ganz ungewöhnliches Konzert. Im kleinen Saal, der aber auch davon profitieren konnte, dass von Anfang an mit einem Akustiker zusammengearbeitet wurde, zeigten sechs Kontrabassisten der Bielefelder Philharmoniker im Solo, Trio, Quartett und schließlich im Sextett, dass ihre liebevoll »Schrankwand« genannten Instrumente zu mehr taugen als lediglich »das gesamte orchestrale Grundgefüge« zu bilden, »auf dem das übrige Orchester überhaupt erst fußen kann.« (aus Patrick Süsskinds Bühnenstück »Der Kontrabass«).

Luise Schmidt, Thomas Bronkowski, Mieko Brandt, Manfred Rössl, Yuval Atlas und Klaus Ebert spielen das für sechs Kontrabässe bearbeitete Stück »Night Train, Express 113« von Michel Legrand

Im Gespräch mit Thomas Bronkowski, einem der sechs Kontrabassisten, wird deutlich, wie viel harte Arbeit dahintersteckt, will man Patrick Süsskinds Diktum, der Kontrabaß sei »das scheußlichste, plumpste, uneleganteste Instrument, das je erfunden wurde«, etwas entgegensetzen. Er sagt: »Im Ensemblespiel müssen wir generell sehr viel weiter auf dem Griffbrett herauf, quasi zwei Oktaven zusätzlich zum alltäglichen Tonraum zurückerobern. Das möglichst in schöner Klangqualität, guter Bogentechnik und reiner Intonation. Und das erfordert zunächst mal harte Arbeit und ausgiebiges Üben. Und dann müssen wir uns im mehrstimmigen Spiel üben, Balancen, Intonation im Akkord, Funktion des eigenen Tones im Kontext. (…) Die meisten Stücke für Kontrabassensemble sind dem Publikum unbekannt, auch die Komponisten kennt kein Mensch. Wir arbeiten uns also durch viel Literatur auf der Suche nach Stücken, die dem Publikum gefallen mögen. Was gäben wir für ein Quartett zum Beispiel von Brahms. (…) Oft besteht also nach harter musikalischer Recherche und Probenarbeit ein Programm aus unbekannten Werken und gut klingendem, etwas leichterem Repertoire. Leider sind die besten Werke oft die, die am schwersten zu spielen sind. Und sowohl wir als vielleicht auch das Publikum kennen, schätzen und erwarten den Klang eines klassischen Streichquartettes mit Violinen, Bratsche und Cello. Dies trifft eben auch auf Komponisten zu, die selber nicht Bass spielen und den dunkleren erdigen Klang eines Bassensembles nicht gewohnt sind. Also schreiben sie ihr Ensemblestück im maximalen Grenzbereich des Ambitus in der Höhe, und das ist für uns auf Dauer körperlich recht anstrengend. Und mancher Bassist denkt dann, ›wenn es klingen soll wie eine Geige oder ein Cello, dann schreibe es doch für Geige oder Cello!‹ Auf dem Papier klingt manches schöner als es unter besten Bedingungen tatsächlich ertönen wird. Trotzdem macht das Ensemblespielen Spaß, und je mehr man es betreibt, beziehungsweise sich im Studium ernsthaft damit auseinandersetzt, desto leichter sind auch die schwierigen Stücke und Bearbeitungen wohlklingend umzusetzen.«

Hier wird ein Foto des Großen Saals ergänzt.

Akustik

Bei Wikipedia ist erwähnt, was der Akustiker Eugen Michel geplant hatte: »So dient die gesamte Decke als Resonanzfläche, bestehend aus großflächigen gestrichenen Sperrholzplatten, die mit Abstand unter einer schallabsorbierenden Bimsbetondecke hängen. Auch sind die großen Deckenleuchten in ihrer besonderen Form zur Schallzerstreuung notwendig, ebenso wie die Abstufungen des Deckenspiegels, die hervorstehenden Holzrahmen der Fenster und die Türnischen im Parkettbereich. Nach einer wissenschaftlichen Untersuchung und Befragung von zwanzig bedeutenden Dirigenten durch Fritz Winckel gehörte die Rudolf-Oetker-Halle 1955 zu den zehn besten Tonhallen der Welt.«

Die Anmerkungen beziehen sich auf die Große Halle, gelten aber, in leicht modifizierter Form auch für die Kleine Halle. Dort ist die Akustik – dank üppiger Holzverkleidungen – weich und warm, aber auch sehr präzise. Fehler werden nicht verschluckt, nicht verziehen. Man hört einfach alles. Vom vereinzelt etwas kratzig, schleppenden Ton bis hin zum meisterhaften Solo kommt alles authentisch rüber bis in die allerletzte Reihe. Kurz und gut: ein gelungener Abend. Das fand auch der Organist und Pianist Johannes Vetter, der das Konzert für die Neue Westfälische vom 15. Januar 2026 rezensiert hat (Texte und Bilder aus der Neuen Westfälischen sind urheberrechtlich geschützt. Weiterverwendung nur mit schriftlicher Genehmigung der Redaktion):

Neue Westfälische, 15. Januar 2026: »Sechs Kontrabässe und ein rosaroter Panther«


(1) Eine ungewöhnlich ausführliche Erläuterung des Bauprozesses findet sich bei Wikipedia >>>

Rudolf-Oetker-Saal, Bielefeld
Architekten:
Tietmann & Haake, Düsseldorf
Akustik: Eugen Michel
Umbau 2018: https://www.wannenmacher-moeller.de/rudolf_oetker_halle.html
Kosten 1930: 1,8 Mio Mark

Wilfried Dechau

Lübecker. Studierte Architektur an der TU Braunschweig, war bis 2004 Chefredakteur der db. Initiierte 1994 den Europäischen Architekturfotografie-Preis, ist seit 1999 Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Photographie. Hatte bis 2014 die Fotogalerie f75. Verfasste rund ein Dutzend Bücher zu Architektur und Fotografie; zahlreiche Ausstellungen und Preise. Schwerpunkte seiner Fotografie sind Architektur und Porträt. Lebt in Neustadt an der Weinstraße.