Konzertmuscheln bieten MusikerInnen einen gewissen Wetterschutz und lenken die Musik stringent in Richtung Publikum. Architektonisch bilden sie eine Typologie heraus, in der bemerkenswerte Solitäre entstanden sind, aber auch kuriose technische Sonderformen, die an Drehbühnen erinnern – wie in Bad Kissingen.
oben: Ist die Orchestermuschel zum Kurgarten hin geöffnet,
hat es mit der Stille eines Konzertsaals ein Ende; Passanten plaudern, singen mit, kommen und gehen.
(© Wilfried Dechau)
Konzertmuschel an der Wandelhalle
Kurgelände, 97688 Bad Kissingen
Staatsbad Philharmonie Bad Kissingen
Als Teil der Bad Kissinger Wandelhalle wird die Konzertmuschel vom „Bader Ensemble“ des 1837 gegründeten Kurchorchesters bespielt. Je nach Wetter lässt sich die Muschel um 180 Grad zum Kurgarten hin oder zur Wandelhalle im Regentenbau drehen. Die 90 Meter lange Halle wurde 1910-11 von Max Littmann als Stahlbetonkonstruktion errichtet, mit je einer langen Säulenreihe links und rechts des Hauptraumes entspricht die Halle architektonisch einem basilikalem Typus.
Ein Konzertsaal ist die Wandelhalle nicht, zu viel Unruhe kommt durch die Wandelnden, die sich auch unterhalten und am Heilwasser laben, ins Szenario. Kurkonzerte haben denn auch einen anderen musikalischen Anspruch als jene in „geschützten“ Sälen, zu denen Verhaltensnormen gehören. Das Kurkonzert als Open-Air-Veranstaltung unterscheidet sich damit auch von großen Open-Air-Orten wie der Waldbühne in Berlin, in der die Aufmerksamkeit für das Bühnengeschehen eine ganz andere ist. Hier wie da ist der Konzert-„Saal“ ein Klangraum, der vom Draußen als öffentlichem Raum oder von der Natur bestimmt wird.
Bewegung
Etwa eineinhalb Stunden vor den Konzerten wird anhand von Windstärke, Luftfeuchtigkeit und Mindesttemperatur (20 Grad) über die Bühnenöffnungsrichtung entschieden. Architekturgeschichtlich ist es die erste drehbare Orchesterschale überhaupt, die heute bis zu 200 Mal im Jahr gedreht wird.

Gutes Wetter: Die Orchestermuschel ist zum Kurgaten hin geöffnet, die Rückseite weist zur Wandelhalle. (© Wilfried Dechau)
Oh Happy Day…
Als wir im Juni 2026 in Bad Kissingen sind, spielt ein Bläserensemble, ergänzt von einem Schlagzeug und teils einem Klavier. In den Pausen zwischen den kurzen Stücken aus Operette, Musical und Evergreens scherzen die Musiker mit den Passanten und wünschen sich etwas gegen den Durst – so muss es sein, leicht, locker, heiter. Die eigentlichen Kurgäste sind ja nicht als Musikkenner gekommen, sondern haben Bedarf nach einer Art unbeschwerender Unterhaltungsmusik. Da erklingt dann auch mal „Oh Happy Day“, ein Song von Edwin Hawkins aus dem Jahr 1968.






