Vom Großen Saal der Mercatorhalle heißt es, er habe eine hervorragende Konzertsaalakustik. Deswegen bin ich nach Duisburg gefahren, hatte beim Konzert »Day and Night« (Avi Avital, Mandoline mit dem Aris Quartett und anderen) aber keine Chance, mir selbst einen Eindruck davon zu verschaffen, denn sowohl die Sängerin als auch alle Instrumente wurden über Mikros verstärkt.
Lehmbruck-Museum, Duisburg
Friedrich-Wilhelm-Straße 40, 47051 Duisburg
https://lehmbruckmuseum.de/
Theater Duisburg
Opernplatz, 47051 Duisburg
https://www.theater-duisburg.de
City-Palais, Mercatorhalle Duisburg im City Palais,
König-Heinrich Platz, 47051 Duisburg
https://www.mercatorhalle.de/
22. Mai 2026 Weil der geplante ICE ausfällt, komme ich in den Genuss einer viel schnelleren Verbindung und bin gut eine Stunde eher als geplant in Duisburg. Um das Gepäck los zu werden, möchte ich zuerst ins Hotel. Die Bahn-App schlägt vor, mit der Linie St 903 zu fahren. Aber die zu finden ist nicht so einfach. Der Hauptbahnhof Duisburg geizt mit Hinweisen zum ÖPNV. Schilder zur Innenstadt gibt es. Kann ja nicht so falsch sein. Ich lande auf einem riesigen, kahlen Vorplatz. Sehe Busse fahren, steige in den nächstbesten Bus Richtung Innenstadt. Die nächste Station heißt Lehmbruck Museum.
Ich steige sofort wieder aus, um die Ausstellung Anish Kapoor „Spieglein, Spieglein“ anzusehen. Dann eben mit Gepäck. Eine halbe Stunde im Schatten großer Bäume auf die Öffnung des Museums gewartet (12 Uhr).
Als erstes geht es in den Bereich, in dem hin und wieder Konzerte stattfinden. Auf dem Weg dorthin blendet ständig die Sonne, die sich auf Kapoors hyperbolischer Pyramide spiegelt. Aber das ist ja nur auf Zeit.

Lehmbruck-Museum, Duisburg. Wilhelm Lehmbrucks Hauptwerke erhalten viel Raum. Im Vordergrund die »Knieende« (1911). In der Mitte das Halbrund, vor dem Konzerte veranstaltet werden (Foto: Wilfried Dechau).
Bei einem Konzert spielen die Musiker vor einer leicht gekrümmten Betonwand (Bild oben). Kann sein, dass die Akustik funktioniert.
Kapoor: Natürlich aufregend. Sich in einer Spiegellandschaft zu bewegen, kann einen richtig besoffen machen. Zumal es passieren kann, dass man sein Spiegelbild, also sich selbst zum Verschwinden bringen kann. Mehr ist es aber auch nicht.

Lehmbruck-Museum, Duisburg. Man muß arg aufpassen, dass einem nicht schwindlig wird (Foto: Wilfried Dechau).
Das Spiel mit gebogenen Spiegeln kennt man aus Kindertagen von der Kirmes. Wo man sich in Spiegellabyrinten über sein dünnes, dickes, verdrehtes Spiegelbild amüsieren konnte. Natürlich ist Kapoors Spiel weitaus elaborierter, aber so eine Art Kirmes ist es immer noch. Weit interessanter war eine kleine Installation im Museum, ein Pianist, der als computergesteuerte Marionette ein traurig schönes Stück klimpert. Die Tänzerin, ebenfalls an den Fäden zappelnd, versucht vergeblich, danach zu tanzen.
Mit diesem Eindruck geht es nun zum Theater und zur Mercatorhalle. Ins Theater komme ich leider nicht hinein. Wahrscheinlich, weil mir dafür jemand extra das Licht hätte anschalten müssen. Am Abend darf ich wenigstens die Foyerbereiche in Augenschein nehmen. Ein Blick in den Theaterraum wird aber verwehrt, weil sich dort die Tänzer gerade für die Ballett-Abendvorstellung warm tanzen.
Nun gut, also ein Haus weiter zur Mercatorhalle. Steht zwar draußen dran – zusammen mit City-Palais, Casino Duisburg und TK max. Aber wo genau die Mercatorhalle im Komplex »City-Palais« ist, muss man schon wissen.
Sonst latscht man erstmal durch eine gekurvte Einkaufs- und Fressmeile, landet dann in einem linsenförmigen Raum, von dem aus eine Treppe ins OG führt.
Ob ich im OG richtig bin, erschließt sich erst am Aufzug, der zur Mercatorhalle hinaufbefördert. Kleiner Saal (Rudolf-Schock-Saal, 529 Sitzplätze), großer Saal (oder: Philharmonie, 1746 Sitzplätze) und ein Konferenzbereich mit sechs Tagungsräumen liegen mit langgezogenem Foyer gleichsam als Sattel über dem ganzen Kommerz im EG.
Nachdem das Terrain erkundet ist um sicher zu sein, zum Konzert den richtigen Saal zu finden, bleibt noch etwas Zeit, um in der Königstraße irgendwo etwas zu essen. Es gibt die Konditorei Bolten, Köz Kebap, Kentucky Fried Chicken, dem China-Restaurant Nan, Brödis Imbiss und dem BackWerk. Die Königstraße zu überqueren, war zu Zeiten, als sie noch keine Fußgängerzone war, sicher nicht leicht, aber die mit etwa 30 Metern ziemlich üppig breite Fußgängerzone ist auch nicht ohne. Man muss höllisch aufpassen, nicht von einem der schnell dahin flitzenden E-Roller umgenietet zu werden. Ob es überhaupt erlaubt ist, dort mit Fahrrädern und E-Rollern zu fahren?
Von einem Tisch vor dem Döner-Laden Köz Kebap aus lässt sich das Leben und Treiben auf der Königstraße und den »Schwebenden Gärten« auf dem König-Heinrich-Platz gut verfolgen. In Duisburg funktioniert alles ein bisschen anders. Die Wirte kümmern sich um ihre Döner-Spieße und eher wenig darum, ob und wer draußen an den Tischen sitzt. So fehlt denn auch jegliche Distanz. Dass ein (sehr junger) lommelig gekleideter Penner mit Schlafsack unterm Arm am Nachbartisch fragt, ob er die Reste von deren Döner-Teller haben dürfe, hatte ich bislang hierzulande noch nicht erlebt. Er bekommt das Gewünschte, schlingt es gierig herunter, stiert sofort zu meiner Pizza rüber und fragt, ob er davon etwas abhaben könne.

»Day and Night« Avi Avital (links im Bild) im Mercatorsaal im City-Palais, Duisburg (Foto: Wilfried Dechau).
Ein halbe Stunde vor Beginn des Konzertes wird das eher spärliche Publikum eingelassen. Zeit genug, um sich ein bisschen umzusehen und den ganzen Raum in Augenschein zu nehmen.
Ich hatte drei Monate vorher angefragt, ob ich Avi Avital vor dem Konzert bei der Probe fotografieren dürfe. In Duisburg angekommen erfahre ich, dass daraus leider nichts werden könne. Aber ich dürfe beim ersten Stück fotografieren. 9. Reihe, Platz 17. Und bei einem nächsten, in dem alle Musiker auf der Bühne zusammen mit der Sängerin auftreten. Mehrere Handys drehen fleißig ganze Video-Sequenzen.
Für das Konzert »Day and Night« war ich gezielt nach Duisburg gefahren. Ich war neugierig auf die Mercatorhalle, die 2007 von den Kölner Architekten Busmann + Haberer gebaut wurde. An der Planung waren damals die Akustik-Spezialisten von Müller-BBM beteiligt.
Vom großen Saal heißt es, er habe eine hervorragende Konzertsaalakustik. Es gibt allerdings keine Chance, das zu überprüfen, denn sowohl die Sängerin als auch die Instrumente werden über Mikros verstärkt. Anfangs fiel es vor allem bei der Sängerin Kamalini Mukherji auf – und ich versuche mir vorstellen, wie »Vissi d’arte« im Opernhaus wohl wirken würde, wenn die Sopranistin mit Mikro singt. Dann fallen die kleinen Steckmikros an der Violine auf. Was dazu wohl ein Geigenbauer sagen würde? Moderne Streichinstrumente sind so gebaut, dass sie ohne Verstärkung riesige Konzertsäle »füllen« können.
Am Tag nach dem Konzert frage ich nach bei Lukas Sieber (Aris Quartett, Cello), bei Avi Avital (Mandoline), bei Elfi Vomberg (Pressearbeit für das Festival »Eigenzeit«). Einzig von ihr bekomme ich eine Antwort. Sie habe meine Fragen an die Intendanz und Dramaturgie des Hauses weitergeleitet.
Doch Intendanz, Dramaturgie, Avi Avital und Lukas Sieber haben nicht geantwortet. Dabei würde ich doch nur gern wissen wollen, was die Musiker (oder die Veranstalter) dazu bewogen hat, mit Mikros zu arbeiten. Ist am Ende die Mandoline nicht »tonkräftig« genug um mit Viola, Violine und Cello mithalten zu können? Kann die Sängerin ohne Mikro nicht singen? Attraktiv ist doch gerade deshalb ein Konzert, weil Instrumente und Stimmen direkt, unmittelbar zu hören sind. Denn sonst kann man zuhause bleiben und eine CD auflegen.

Kurtheater Bad Kissingen, 11. Juni 2006, Avi Avital spielt auf zum »Prolog«-Konzert des Kissinger Sommers (Foto: Wilfried Dechau).
11. Juni, 2026. Epilog | Avi Avital spielt mit dem Ensemble Between Worlds und der Sängerin Alessia Tondo zum Auftakt des Kissinger Sommers im Kurtheater. Avi Avital verwandelt das akustisch hervorragende Kurtheater in eine Disco – einschließlich Licht- und Farbspektakel. Überflüssig zu fragen, warum er auf Elektroakustik setzt. Ob ein Raum per se über eine hervorragende Konzertsaalakustik verfügt, scheint ihm egal zu sein. Ich habe die Disco in der Pause verlassen.














