Die seit 1999 im Florian-Waldeck-Saal des Reiss-Engelhorn-Museums stattfindende Mannheimer Kammermusikreihe gibt es bereits seit dem Ende des Krieges. Die jeweils sechs bis acht Konzerte pro Saison waren zuerst in der Alten Aula der Universität Mannheim, später im Rosengarten und im Veranstaltungssaal des Stadthauses Mannheim. 1999 wurde die Kammermusikreihe mit finanzieller Unterstützung der Stadt Mannheim und der Heinrich-Vetter-Stiftung von der Gesellschaft für Neue Musik Mannheim e.V. übernommen. Den Vorsitz hatte Claus Meissner inne.


Florian-Waldeck-Saal der Reiss-Engelhorn-Museen
C5, Zeughaus, 68159 Mannheim
https://www.kammermusik-mannheim.de/

 

30. Mai 2024. Claus Meissner beim Hambacher Musikfest, 2024. Konzert im Weingut Naegele. Kenner werden der Partitur entnehmen können, welches Musikstück gerade gespielt wurde (Foto: Wilfried Dechau)

Claus Meissner prägte eine Ära der Kammermusik

Anfang 2019 wurde für die Reihe der Verein »Kammermusik Mannheim e.V.« gegründet. Claus Meissner führte die Reihe nach dem seit 2000 praktizierten Konzept fort. Ihm ist es gelungen, fast alle Streichquartette von Rang und Namen nach Mannheim in den Florian-Waldeck-Saal zu holen. Unter anderen das Armida Quartett, das Mandelring Quartett, das Melos Quartett, das Nomos Quartett, das Fauré Quartett, das Atos Trio aus Deutschland, das Trio con Brio aus Kopenhagen, das Alban Berg Quartett aus Wien, das Amadeus-Quartett aus London, das LaSalle String Quartet und das Juilliard String Quartet aus den USA, das Quartetto Italiano, das Végh-Quartett und das Quatuor Zaïde aus Paris, das Smetana-Quartett, das Janáček Quartet und das Talich-Quartet aus Prag, das Tokyo String Quartet sowie das russische Borodin Quartet, die Pianisten Ian Fountain und Severin von Eckardstein, das GrauSchumacher Piano Duo, die Geigerinnen Erika Geldsetzer und Nanette Schmidt, die Cellistin Tanja Tetzlaff und die Cellisten David Geringas und Jens Peter Maintz sowie die Klarinettisten Eduard Brunner und Nikolaus Friedrich.

Seit 2025 betreut Gerwig Köster als Vorsitzender die Reihe und setzt die erfolgreiche Arbeit von Claus Meissner fort.

23. Oktober 2019. Anna-Reiß-Saal, Ausweichquartier der Mannheimer Kammermusikreihe in den Corona-Jahren. Die beiden Flügel stehen bereit für das Piano Duo GrauSchumacher (Foto: Wilfried Dechau)

Die Corona-Jahre

Übrigens: Nicht alle Konzerte fanden im Florian-Waldeck-Saal statt. In den Corona-Jahren ist man in den größeren, akustisch vorzüglichen, aber wenig inspirierenden Anna-Reiß-Saal umgezogen, der eher einem Hör- als einem Konzertsaal gleicht. Dort war im Oktober 2019 ein hinreißendes Konzert mit dem Piano-Duo GrauSchumacher zu hören. Wir haben die beiden damals auf die eher nüchterne Atmosphäre des Hörsaals angesprochen, die sie nicht gestört zu haben scheint. Im Gegenteil, sie waren mit der Akustik außerordentlich zufrieden und haben sich beim Spiel entsprechend wohlgefühlt.

23. Oktober 2019. Das Piano Duo GrauSchumacher spielt mit den Perkussionisten Simon Bernstein und Rafael Sars die Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug von Béla Bartók (Foto: Wilfried Dechau).

Wieder zurück im Florian-Waldeck-Saal

Seit Februar 2023 wird wieder im Florian-Waldeck-Saal gespielt – einem kleinen Saal, der vielleicht 100 bis 120 Sitzplätze hat, in nicht ansteigenden Reihen. Man kann dennoch von überall vergleichsweise gut sehen und hören, denn die Musiker spielen auf einem leicht erhöhten Podium. Die Akustik scheint aber nicht a priori fehlerfrei gewesen zu sein. Über dem Podium sind unter der Decke sieben schaufelartig gebogene Glasreflektoren abgehängt.

21. Januar 2026. Florian-Waldeck-Saal vor dem Beginn des Konzertes mit Nathalia Milstein. Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz und seine Gemahlin Marie Elisabeth Auguste von Pfalz-Sulzbach rahmen die Szenerie (Foto: Wilfried Dechau).

Entlang der Seitenwände und vor allem links und rechts vom Podium wird die Musik von hochwohlgeborenen Personen mit gönnerhafter Geste begleitet. Zur Linken ist es der Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz und zur Rechten seine Gemahlin Marie Elisabeth Auguste von Pfalz-Sulzbach (die zu Lebzeiten mit Carl Theodor keine besonders glückliche Ehe geführt hat).

21. Januar 2026. Nathalia Milstein spielt die Variationen f-Moll von Joseph Haydn (Foto: Wilfried Dechau)

Freude an der Musik

Und zwischen diesen beiden saß am 21. Januar 2026 Nathalia Milstein und zog das Publikum in den Bann. Im Saal war es mucksmäuschenstill. Alle schienen den Atem anzuhalten, um nur ja die mit hauchzartem Anschlag gespielten Variationen f-Moll von Joseph Haydn nicht zu stören. Doch gleich anschließend zeigte Frau Milstein mit Beethovens Variationen op. 35 die ganze Bandbreite ihres Spiels – sie traktierte die Tasten, wie es sich für die »Eroica« gehört. Ein wunderbarer Musikgenuss.

Der Musikkritiker war begeistert

Und kein geringerer als Gabor Halasz saß ebenfalls im Publikum. Er drückte in der Rheinpfalz vom 22. Januar 2026 das aus, was wohl alle Zuhörer empfunden hatten:
»In Superlativen – Die Pianistin Nathalia Milstein spielt im REM« Weiter in seinem Text: »Zu berichten gilt es diesmal über ein künstlerisches Ereignis von unbestreitbarem Ausnahmerang. Die Rede ist vom jüngsten Konzert der Gesellschaft Kammermusik Mannheim: Nathalia Milsteins Soloabend, bei dem die in Frankreich geborene junge Pianistin mit russischen Wurzeln ein fesselndes musikalisches Ausrufezeichen gesetzt hat mit Werken von Haydn, Beethoven, Liszt und Schumann. Zugegeben, an sich empfiehlt es sich nicht, den Mund zu voll zu nehmen, diesmal indes sind sämtliche Superlative berechtigt. Was Nathalia Milstein (…) im Florian-Waldeck-Saal der Reiss-Engelhorn-Museen vorführte, war Klavierspiel in höchster Vollendung.
Spielerische Bravour und Virtuosität sind heute (…) bei der jungen (und mittleren) Instrumentalistengeneration unabdingbare Voraussetzungen, die auch für das Spiel Nathalia Milsteins galtenk deren internationale Laufbhn 2015 mit dem Sieg beim Klavierwettbewerb in Dublin begonnen hat. Daher wirkten auch die Geläufigkeit und die Prägnanz ihrer Artikulation nicht unbedingt überraschend, die sie gleich zu Beginn des Programms mit Haydns Variationen in f-Moll (Hob. XVII:6) an den Tag legte.

Nathalia Milsteins federleichter Anschlag bei Haydns Variationen f-Moll (Foto: Wilfried Dechau)

Unmittelbar gefangen genommen wurden die Zuhörer aber vor allem durch die Eleganz ihrer Artikulation und Phrasierung, die bravouröse Geläufigkeit der Pianistin beim Passagenwerk mit seinen perlenden Läufen. Mit anderen Worten Nathalia Milstein versteht es wie ganz wenige, das Tasteninstrument zum Klingen – und  wo es darauf ankommt, wie nach der Pause bei Liszts ›Cantique d’amour‹ – auch zum Singen zu bringen. Überhaupt schien Milstein eigentlich alles mit selbstverständlicher Leichtigkeit von der Hand zu gehen. Wobei möglicherweise auch der Eindruck entstehen mochte, beim Klavierspielen handele es sich um die einfachste Angelegenheit der Welt. Wer es je versuchte, ist eher vom Gegenteil überzeugt. Wie dem auch sei, Nathalia Milstein profiliere sich an diesem Abend als Virtuosin von seltener gestalterischer Präsenz, präsentierte Beethovens ›Eroica‹-Variationen – über das Thema des Schlusssatzes seiner dritten Sinfonie (der›Eroica‹) – äußerst brillant und höchst inspiriert-inspirierend, brachte das Klavier mit ausladendem großen Gestus zum Klingen und Sprechen.
Nach der Pause hatte dann das romantische Klavier das Wort: mit Liszts Cantique d’amour und Schumanns op. 17, seiner Fantasie in C-Dur. Zu erleben war Romantik in feinster Ausprägung – und pianistische Brillanz in großem Stil. Zum Schluss herrschte daher Begeisterung im Saal, und es folgten zwei Zugaben, beide russischer Herkunft: von Tschaikowsky und Prokofjew.« 


Florian-Waldeck-Saal im ehemaligen Zeughaus
Seit 2007 gehört es zu den Reiss-Engelhorn-Museen
Bauherr des Zeughauses: Kurfürst Carl Theodor
Bauzeit: 1777 – 1779
Architekt: Peter Anton von Verschaffelt
Wilfried Dechau

Lübecker. Studierte Architektur an der TU Braunschweig, war bis 2004 Chefredakteur der db. Initiierte 1994 den Europäischen Architekturfotografie-Preis, ist seit 1999 Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Photographie. Hatte bis 2014 die Fotogalerie f75. Verfasste rund ein Dutzend Bücher zu Architektur und Fotografie; zahlreiche Ausstellungen und Preise. Schwerpunkte seiner Fotografie sind Architektur und Porträt. Lebt in Neustadt an der Weinstraße.