Um das Jahr 1200 wurden in Nordfriesland entlang der »heiligen Linie« drei historische Hauptkirchen gebaut: St. Severin in Keitum auf Sylt, St. Johannis in Nieblum auf Föhr und St. Salvator auf Pellworm. In allen drei Kirchen stehen sehr gute Orgeln. Eine alte, aber nach wie vor gut bespielbare Orgel in St. Salvator, die einzige noch erhaltene Arp Schnitger Orgel in Schleswig-Holstein. Bis Anfang September 2026 läuft dort der Pellwormer Orgelsommer. Die Orgel in St. Severin ist jüngeren Datums. Sie wurde 1999 vom Leonberger Orgelbauer Konrad Mühleisen gebaut. In St. Severin finden regelmäßig mittwochs Orgelkonzerte statt. Zum Urlaub auf Sylt gehört unbedingt der Besuch eines Orgelkonzertes in Keitum. Allein so ein Konzert ist schon die Reise wert.


Ev.-luth. Kirchengemeinde St. Severin
Pröstwai 20, 25980 Sylt/Keitum
Sankt Severin, Keitum

Konzert in St. Severin

25. Februar 2026.  Auf dem Programm des Orgelkonzertes stehen Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen. Im Laufe des Jahres gibt es in St. Severin ein reichhaltiges, wechselndes Programm, immer mittwochs (Ende Oktober bis Ende März um 16.15 Uhr, sonst um 20.15 Uhr). Mal Orgel allein, mal mit Violine, mal mit Chor, mal mit Flöte, mal mit Trompete, mal mit Countertenor, mal mit Harfe…

Keitum, Sankt Severin (Foto: Wilfried Dechau)

Viel Abwechslung also. Aber ein Programmpunkt taucht immer wieder auf – wie ein Fels in der Brandung: Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen. Wer sie am 25. Februar oder am 17. Juni 2026 verpasst hat, sollte sich den 26. August oder den 23. Dezember 2026 notieren. Dann spielt Alexander Ivanov, der Organist der Keitumer Kirche wieder die »Clavier-Übung bestehend in einer Aria mit verschiedenen Veraenderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen…« Hilfreich für die Planung: Man kann sich das Jahresprogramm als pdf herunterladen.

Keitum, Sankt Severin. Nach dem Konzert. Der Organist Alexander Ivanov wollte nicht mit aufs Bild. Die Orgel wurde 1999 von der Werkstätte Orgelbau Mühleisen in Leonberg gebaut und 2019 umgebaut und erweitert. Die Vorgängerorgel wurde 1787 von Jürgen H. Angel aus Flensburg gebaut. Sie ist vielfach umgebaut und erweitert worden (Foto: Wilfried Dechau).

Man kann die von Alexander Ivanov 2015 an der Mühleisen-Orgel in St. Severin eingespielte (Doppel-) CD auch kaufen (man bekommt die CD wohl nur im Kirchengemeindebüro von St. Severin, ich habe sie weder bei jpc noch bei amazon finden können).

Keitum, Sankt Severin, Blick zum Chorraum (Foto: Wilfried Dechau)

Am schönsten aber kommen die Clavier Übungen allemal in der Keitumer Kirche zur Geltung. Das hat ganz sicher damit zu tun, dass eine Orgel wie kein anderes Instrument für einen ganz bestimmten Ort gebaut wird und nur dort gespielt werden kann. Das garantiert nicht automatisch perfekte Klang-Erlebnisse im Raum. Orgel und Nachhall des Raumes müssen zueinander passen. Ob und wie gut das gelingt, hängt davon ab, wie begabt und kenntnisreich der Orgelbauer ans Werk geht. Aber auch die Musik selbst spielt dabei ein Rolle, denn nicht jedes Musikstück lässt sich an jeder Orgel, in jedem Raum gleichermaßen gut spielen.

Keitum, Sankt Severin, Chorraum, Blick zur Orgel (Foto: Wilfried Dechau)

Im Interview (Klassik begeistert) fragt Jörn Schmidt am 7. Juni 2026 Alexander Ivanov: »Eines Ihrer ersten Konzerte, das ich auf Sylt besucht habe, war Messiaen pur. Ich hatte gehofft, es zieht mehr zeitgenössische Musik in St. Severin ein. Hat Sie der Mut verlassen?« Ivanov antwortete darauf: »Ich liebe es, Messiaen in St. Severin zu spielen. … für einen Abend ausschließlich mit Messiaen fehlt es in St. Severin indes vielleicht an Nachhall.«

Keitum, Konzert am 25.2.2026, Blick vom Chorraum zur Orgel (Foto: Wilfried Dechau)

Bevor man sich ein Ticket besorgt, sollte man bedenken: Den Blick auf die Orgel hat man nur von (wenigen) Stuhlreihen im Chorraum. Sitzt man hingegen auf einer der (schönen) Kirchenbänke, zeigt man der Orgel den Rücken – so, wie es in jedem Gottesdienst der Fall ist, denn der ist auf die Kanzel ausgerichtet, nicht auf die Orgel. Wenn aber die Orgel und nicht die Pastorin die Hauptrolle spielt, möchte ich sie nicht im Rücken haben. Mag sein, dass es akustisch gar keinen Unterschied macht. Mag sein, dass der Wunsch, das Instrument / die Instrumente im Blick haben zu wollen, lediglich dem eingeübten Konzertsaal-Ritual folgt. Denn den Organisten selbst sieht man (in Keitum) auch dann nicht, wenn man sich der Orgel zuwendet. Sein Spiel habe ich genossen auch wenn ich ihm nicht dabei zuschauen konnte.

Keitum, Warten auf den Bus nach dem Konzert. Sankt Severin ist bequem mit dem Bus zu erreichen (Foto: Wilfried Dechau).

Eintrittskarten zu den Mittwochskonzerten erhält man per Telefon (04651 9980), in Vorverkaufsstellen des Sylter Tourismuservice oder per Internet. Wer nach Sylt reist ohne in einem der Mittwochs-Konzerte gewesen zu sein, hat viel verpasst.

Keitum, Sankt Severin, ein zauberhaftes Detail: das vielfach geflickte Ziegelmauerwerk des Turms (Foto: Wilfried Dechau). Weitere Fotos vom Backsteinmauerwerk der Kirche finden sich hier.


Keitum, Sankt Severin. Baubeginn im späten 12. Jahrhundert. Im Jahr 1216 wurde der Dachstuhl errichtet, 1240 wurde die Kirche erstmals urkundlich erwähnt. Der Kirchturm ist erst 1450 hinzugefügt worden. Die erste Orgel hat 1787 Jürgen H. Angel, Flensburg, gebaut, 1999 wurde sie ersetzt durch die große Mühleisen-Orgel.

Goldberg-Variationen, BWV 988

Johann Sebastian Bachs Clavier-Übung besteht aus vier Teilen. Im Bild das Titelblatt vom Erstdruck (1741) des vierten Teils, der Goldberg-Variationen (Wikimedia-commons) Auf dem Titelblatt von Bachs Opus 1 heißt es: »Clavier-Übung / bestehend / in einer / ARIA / mit verschiedenen Veraenderungen / vors Clavicimbal / mit 2 Manualen. / Denen Liebhabern zur Gemüths- / Ergetzung verfertiget von / Johann Sebastian Bach / Königl. Pohl. u. Churfl. Sachs. Hoff-/ Compositeur, Capellmeister u. Directore / Chori Musici in Leipzig. / Nürnberg in Verlegung / Balthasar Schmids«

Für die Goldberg-Variationen gibt es zahlreiche Bearbeitungen, u.a. für die Orgel, für Orchester, für Kammerorchester, für Streichtrio, für Saxophone, für das Akkordeon… Die von Alexander Ivanov aufgenommene CD folgt seiner eigenen Bearbeitung für die Orgel.

Bei der CD-Suche im Internet stößt man vor allem auf die Klavierbearbeitung, interpretiert von nahezu allen Pianisten mit Rang und Namen. Um nur einige zu nennen: Martin Stadtfeld, Murray Perahia, Igor Levit, Lang Lang, Alexandre Tharaud, Glenn Gould, Andras Schiff, Daniel Barenboim, Keith Jarrett. Die aus meiner Sicht aufregendste und gewagteste aller Bearbeitungen habe ich bei Youtube entdeckt: Gideon Van Canneyt und Silas Van den Spiegel auf zwei Marimbas. Hinreißend!

Wilfried Dechau

Lübecker. Studierte Architektur an der TU Braunschweig, war bis 2004 Chefredakteur der db. Initiierte 1994 den Europäischen Architekturfotografie-Preis, ist seit 1999 Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Photographie. Hatte bis 2014 die Fotogalerie f75. Verfasste rund ein Dutzend Bücher zu Architektur und Fotografie; zahlreiche Ausstellungen und Preise. Schwerpunkte seiner Fotografie sind Architektur und Porträt. Lebt in Neustadt an der Weinstraße.