Die dringliche Aufgabe, profanierte Kirchen für eine bauliche Zukunft mit angemessener Nutzung umzubauen, betrifft nicht nur die Gebäude selbst, sondern auch die städtebauliche Einbettung, beispielsweise durch einen ergänzenden Anbau. In Bochum ist die Marienkirche in diesem Sinne erweitert worden: Die Kirche dient als Foyer, großer und kleiner Konzertsaal genügen hohen akustischen Anforderungen.


Annelie Brost Musikforum Ruhr, Bochum
Marienplatz 1, 44787 Bochum
www.bochumer-symphoniker.de
http://musikzentrum.bochum.de/
Wir danken Brigida González für die Fotografien.

Die Bochumer Sankt Marienkirche entstand 1872 als „Bergarbeiterkirche“ und wurde zur Jahrtausendwende profaniert. Das 2016 eröffnete Musikzentrum ist das Ergebnis eines Architekturwettbewerbs, den die Stuttgarter Architekten Bez & Kock gewonnen hatten. Es ist die Probe- und Spielstätte der Bochumer Symphoniker, des Jugendsinfonieorchesters und der 80 Ensembles der Musikschule – und mehr: Von der Lesung bis zum Kammerkonzert, von der Ausstellung bis zum Poetry Slam, vom großen Symphoniekonzert bis zum offenen Singen – das Musikzentrum belebt das zentral gelegene „Kreativquartier“ an der Viktoriastraße, das fußläufig vom Hauptbahnhof aus zu erreichen ist. Im Vorfeld hatte ein Lotto-Unternehmer rund 5 Mio Euro als Initialkapital gespendet. Dann wurde die Initiative unter anderem vom Engagement des Dirigenten Steven Sloane vorangetrieben, zudem mit einem Benefiz-Konzert von Herbert Grönemeyer, der seiner Heimatstadt sehr verbunden ist. Das private Engagement in Bochum wies im ganzen 22.000 Geldgeber aus.

Als Mitte des Musikforums dominiert die Kirche noch immer den öffentlichen Raum. Eine kulturelle Nachnutzung ist für viele der profanierten Kirchen geradezu ideal. (© Brigida González)

Zu beiden Seiten der Kirche wurden Baukörper angebaut, die sich an der Länge des Kirchenschiffs orientieren und innenräumlich mit diesem verzahnen. Die Höhenentwicklung entlang der Viktoriastraße staffelt sich in Abhängigkeit der innenräumlichen Anforderungen und verleiht dem Gebäude so eine angemessene Maßstäblichkeit im Stadtraum. Auf der Südseite entstand der Konzertsaal der Bochumer Symphoniker mit etwa 1000 Sitzplätzen und hochwertiger akustischer Ausstattung, auf ihrer Nordseite ein flexibel bespielbarer Multifunktionssaal für die Musikschule. Mit rund 10.000 Schülern ist sie die größte in Deutschland.

Lageplan, Schnitt und Grundriss der Gesamtanlage (© Bez & Kock)

 

Ein klassischer Schachtelsaal, der mit Lichtdecke, hell bezogenen Sitzen und eleganter Lichtführung einen festlichen, aber nicht prächtigen Eindruck bewirkt. (© Bridiga González)

„Der Raum hat das, was man natürlichen Atem und Resonanz nennt. 960 Zuhörer finden hier Platz, und von jedem Sitz aus fühlt es sich dem Podium so nahe, als säße man inmitten der Musiker.” Wolfram Goertz, DIE ZEIT

Die Geometrie hält den Sakralbau im Gedächtnis und steht der Umnutzung nicht entgegen. Darin liegt ohnehin der Reiz jeder Umnutzung von Bestand. (© Brigida González)

Kultur ist bei der Transformation des Ruhrgebiets, in dem seit Jahrzehnten Kohlezechen und Stahlwerke geschlossen werden mussten, Teil einer groß angelegten Strategie. Sie umzusetzen kostet Zeit und Geld. Mit neuen Konzerthäusern in Essen, Dortmund, Duisburg und Bochum wurde am Fundament eines neuen Selbstbewusstseins in einer der größten Industrieregionen Europas mitgewirkt.


Anneliese Brost Musikforum, Bochum 2016
Architekten:
Bez & Kock, Stuttgart
Akustik: Müller-BBM, Planegg; Kahle Acoustics, Brüssel
Baukosten: 37 Mio Euro

Ursula Baus

Herausgeberin Dr. Ursula Baus studierte zunächst Kunstgeschichte und Philosophie in Saarbrücken, dann Architektur in Stuttgart und Paris. War Redakteurin einer Fachzeitschrift für Architektur, gründete mit gleichgesonnenen Kolleg(inn)en 2004 die Partnerschaftsgesellschaft frei04 publizistik. Ist beziehungsweise war diversen Gremien, Stiftungen (Bundesstiftung Baukultur, stellv. Beiratsvorsitzende; Schelling Architekturstiftung, Vorstand), Kuratorien (IBA Basel) tätig. Als Lehrbeauftragte für Architekturtheorie und -kritik auch immer auf der Suche nach jungen Talenten. Ist vor allem an Grenzbereichen interessiert: Architektur, Stadt, Ökonomie, Politik – und Musik.