Bild: Konzertsaal im Haus Marteau in Lichtenberg, Bayern (©Wilfried Dechau)
Generalprobe 2022: Gespielt wird Tschaikowskis Violinkonzert, es sitzen gut 40 Musikerinnen auf der Bühne, und statt auf einen Dirigenten konzentrieren sie sich auf den Geigenvirtuosen Vadim Gluzman, dem das Spiel offensichtlich immense Freude bereitet. Als das Orchester beginnt, versetzt es den ganzen Raum in spürbare Schwingungen, die Musik umgibt Publikum und Orchester gleichermaßen. Grund dafür ist die eigenartige Geometrie, die mit konvexen Flächen den Raum dominiert, der explizit für Kammermusik entworfen wurde und daraus seine Faszination entwickelt.
Erstveröffentlichung: www.marlowes.de, 9. April 2024
Konzerthaus Blaibach / Kulturwald gGmbH – Bayerischer Wald
Kirchplatz 2, 93476 Blaibach
www.kulturgranit.de
Haus Marteau | Internationale Musikbegegnungsstätte
Lobensteiner Straße 4, 95192 Lichtenberg
www.haus-marteau.de

Die Ortsmitte von Blaibach; hier ragt der neue Konzertsaal schräg aus dem Boden, der Eingang liegt auf der Ebene -1, das heißt, man steigt Stufen hinunter. (© Wilfried DechauNeue Welten
Der spektakuläre Konzertsaal, den Peter Haimerl in Blaibach 2014 gebaut hat und dessen Umgebungssanierung er kurz darauf in Angriff nahm, ist inzwischen eine feste Adresse für Kammermusikfreunde und Architekturtouristen. An Ort und Stelle wirkt der wie ein Meteorit eingeschlagene Baukörper erstaunlich klein und maßstäblich der kleinteiligen Umgebung angepasst. Und tatsächlich offenbaren das Foyer und der Saal im Untergeschoss erst die zauberhafte räumliche Weite, die so viele Besucher anzieht. Wir hören Bachs Johannes-Passion mit dem Württembergischen Kammerorchester und ausgezeichneten Solisten – einer davon der exzellente Bariton Thomas E. Bauer, der diese Musikstätte initiiert hat und mit bewundernswertem Geschick für ihre Lebendigkeit sorgt.

Johannespassion mit dem Württembergischen Kammerorchester und Solisten, in der Mitte Thomas E. Bauer (Bild: © Wilfried Dechau)
Die Fülle der Orchester- und Chormusiker klingt erst einmal sehr laut, doch verträgt der Raum diese Klangfülle in überraschender Homogenität. Anderntags spielt das American String Quartet – und es ist eine Offenbarung, wie brillant und differenziert dieses Streicherensemble zu hören ist. Beide Konzerte sind bestens besucht. Man kennt sich, man trifft sich. Man hat die Heiterkeit von Dvoráks „Aus der neuen Welt“ für viele Instrumentfassungen im Sinn…
Tags drauf tritt das American String Quartet auf – herausragend, wie sich das Ensemble, dessen erste Geige seit 1990 von Peter Winograd gespielt wird, in diesen Saal fügt, platziert nahezu im Quadrat. Laurie Carney – zweite Geige – ist Gründungsmitglied, Matthias Buchholz – Viola – gehört seit September 1994 zum Quartett; und Wolfram Coessel – Cello – ist seit 2005 dabei.
Der kleine grüne Hügel in Lichtenberg
Anschließend fahren wir Richtung Lichtenberg, etwa 220 Kilometer gen Nordwesten, genau bis zur Grenze zwischen Bayern und Thüringen. Dort, in Oberfranken, ist für eine vom Bezirk Oberfranken als Träger betriebene Musikakademie ein kleiner Konzertsaal unter „grünem Hügel“ entstanden; Bayreuth ist nicht weit. Doch bis wir dort sind, setzt sich eine gewisse Fassungslosigkeit fest: Die gesamte Region ist durchschnitten und zerfurcht von überdimensionierten Autobahnen und autobahnähnlich ausgebauten Landstraßen mit enormen Lärmschutzwänden – es müssen Milliarden in die hochwertig geteerten Straßen und betonierten Infrastrukturbauten geflossen sein. Fördergelder aus Bonn beziehungsweise Berlin machten’s möglich. Wundert es, dass seit 1982 die Verkehrsminister Dollinger, Warnke, Zimmermann, Ramsauer, Dobrindt und Scheuer aus Bayern kamen? Es fällt sofort an mikrigeren, man könnte sagen: normalen Straßen auf, wenn man Bayerns Grenzgebiete erreicht. Genau die in Bayern ausgegebenen Verkehrs-Milliarden fehlen andernorts für eine akzeptable Infrastruktur, für die Bahn sowieso. Der überraschende Rückzug des einstigen Ministers Andreas Scheuer aus dem Parlament wurde dieser Tage viel kommentiert. Die Süddeutsche Zeitung (3.4.24) zitierte Markus Söder: „Bei allem, was der ein oder andere kritisiert an dem Andi Scheuer: Ich kenne wenige Minister, die so viel Geld nach Bayern holen“.

Der Konzertsaal verbirgt sich unter dem grünen Hügel, um den Altbau keine Konkurrenz zu machen. (© Wilfried Dechau)
Zurück nach Lichtenberg im Hofer Land, das nahe Bad Steben liegt. 2017 bis 2021 baute Peter Haimerl hier einen Konzertraum unter einem grünen Hügel als Ergänzung vom „Haus Marteau“, einer internationalen Musikerbegegnungsstätte; der Bezirk Oberfranken hatte 1980 das Haus gekauft und ist Träger der Musikakademie.3) Henri Marteau (1874-1934) war ein weltweit bekannter Geiger, der sich hier in Lichtenberg 1912-13 ein Sommerhaus in landschaftlich traumhafter Umgebung errichten ließ. Für 5,2 Millionen Euro entstand in den letzten Jahren der zusätzliche, durch einen unterirdischen Gang mit dem Stammhaus verbundene Konzertraum für bis zu hundert Gäste. Es ist ein hoher Saal mit expressiver Innenhülle, der – wie in Blaibach, nur aus Granit statt aus Beton – erst beim Betreten sein Volumen und seine auch proportionsbedingte Wirkung entfaltet. Das Haupthaus musste im Untergeschoss abgegraben werden, um nutzungsbedingte Raumhöhen und Erschließungsniveaus zum neuen Konzertraum zu erreichen.
Gewöhnungsbedürftig ist die Anordnung der festen Sitzplätze: Man sitzt sich gegenüber und muss zu den Musizierenden den Kopf wenden. Die Geometrie hätte praktischere Anordnungen erlaubt, aber das gemeinsame Hören, eine „dialogische Situation“ standen offenbar im Vordergrund. Beeindruckend ist die Innenraumhülle aus „Granitspitzen“, die mit bis zu 13 m Länge und 4 m Breite bemerkenswerte Maße haben und mit eleganter Beleuchtung die Blicke im Raum in die Höhe locken. Musiktalente aus aller Welt finden nach Lichtenberg, Musikfreundinnen in der ganzen Region profitieren davon, dass sie Gastgeber für den musikalischen Nachwuchs und Zuhörer bester Konzerte sein können.
An beiden im April 2024 besuchten Orten zeigt sich, dass weitreichende Änderungen zum Guten und Schönen, zum Nutzen und Frommen der Bevölkerung bestens möglich sind. Vonnöten sind primär privates Engagement wie in Blaibach und Lichtenberg, bürgerschaftliche Initiativen mit politischer Unterstützung wie in Lichtenfels.
Architekt: Peter Haimerl Architektur (www.peterhaimerl.de)







