Das Konzerthaus am Schloss in Kiel steht beispielhaft dafür, dass kaum zählbare, zauberhafte Kulturbauten der Nachkriegsmoderne, die heute funktional und technisch unter Bewahrung ihrer architektonischen Identität erneuert werden müssen. Die Arbeitsgemeinschaft aus gmp Architekten v. Gerkan, Marg und Partner und bbp architekten entwickelte das Haus zwischen 2019 und 2025 entsprechend als konzeptionelle Fortschreibung des Bestands. Die vielen unterschiedlichen Erneuerungsansprüche in einen Bestandsbau zu integrieren, dessen Qualität wesentlich aus der Klarheit und formalen Zurückhaltung seiner Architektur resultiert, war keineswegs einfach.
Konzerthaus am Schloss, Kiel
Schlossplatz 2, 24103 Kiel
Konzerthaus

Lageplan des Kieler Konzerthauses (© gmp)
Die Aufgabe stellt sich immer öfter: Kulturbauten der Nachkriegsmoderne müssen heute funktional und technisch erneuert werden. Im Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit wurden viele Konzert- und Theaterhäuser fast gleichzeitig gebaut – und nun kommen sie nahezu gleichzeitig in die Jahre. Denkmalpfleger und Architekten wissen inzwischen: Es geht bei der funktionalen und technischen Ertüchtigung dieser Kulturbauten um die Bewahrung architektonischer Identität.
Das Konzerthaus Kiel entstand zwischen 1961 und 1965 nach Entwürfen des Hamburger Architekturbüros Sprotte & Neve und formte gemeinsam mit dem benachbarten Kieler Schloss ein neues kulturelles Zentrum im Norden der Kieler Altstadt. Das Gebäude umschließt als kubisches Natursteinvolumen den hellen, prismatisch geformten Saal und war ursprünglich als multifunktionales Veranstaltungsgebäude für das Philharmonische Orchester Kiel als Hauptnutzer konzipiert.
Im Mittelpunkt des Umbaus stand die Wiederherstellung der minimalistischen Klarheit und Materialität des Gebäudes in Verbindung mit dem Einbau von aktueller Technik. Rund sechzig Jahre nach seiner Errichtung machten altersbedingte Mängel, Sanierungsschäden sowie gestiegene betriebliche Anforderungen eine umfassende Sanierung erforderlich. Die Originalsubstanz des Gebäudes sollte so weit es geht erhalten bleiben.

Schnittperspektive durch den Konzertsaal (© gmp)
Der ursprünglich als Multifunktionssaal genutzte Raum hatte sich im Laufe der Jahrzehnte zu einem reinen Konzertsaal mit spezifischen akustischen und technischen Anforderungen entwickelt, denen nun Rechnung getragen wird. Die Planung setzte hierfür auf präzise, sowohl sichtbare als auch nicht sichtbare Eingriffe und korrigierte sowohl spätere Überformungen als auch kleinere Planungsmängel des Bestands. So wird zum einen die architektonische Ordnung rekonstruiert und zum anderen die funktionalen Abläufe für Publikum, Orchester und Betrieb optimiert. Städtebaulich galt es, das Konzerthaus weiter zur Stadt und zur Förde hin zu öffnen.

Grundrisse Erd- und Obergeschoss ( © gmp)
Der Saal, mit seinem zentralen und nahezu schwellenlos angeordneten Orchesterpodium, ist von gestaffelten Publikumsterrassen umgeben. So entsteht eine enge räumliche Beziehung zwischen Orchester und Publikum. Spätere Umbauten, technische Nachrüstungen und Ergänzungen veränderten die architektonische Anmutung des Gebäudes schrittweise und überlagerten wesentliche Elemente des Ursprungsentwurfs.

4. Februar 2026. Der Klavierstimmer verläßt die Bühne. Gleich kann das Konzert beginnen (Foto: Wilfried Dechau).

Schnitt in der Gebäudeachse (© gmp)
Besuch im Konzerthaus am Schloss
4. Februar 2026. Klavierduos an einem oder, was noch aufregender ist, an zwei Flügeln, kannte ich im Konzertsaal bisher nur von Grau Schumacher. Jedoch war ich auf die Brüder Lucas & Arthur Jussen durch ein Youtube-Video schon einmal aufmerksam geworden (»Aus Liebe will mein Heiland sterben« aus J.S. Bachs Matthäus-Passion, Zugabe von Lucas & Arthur Jussen in der Elbphilharmonie Hamburg, 8. März 2025 und Bela Bartok: Konzert für zwei Klaviere, Lucas & Arthur Jussen mit dem hr-Sinfonieorchester, Alte Oper Frankfurt, 12. Dezember 2025). Dafür ist Youtube großartig: Überraschendes, Neues entdecken, Vergleiche anstellen, mal schnell zu Grau Schumacher zappen (Franz Schubert: Fantasie f-Moll). Und wie hört sich das beim Klavierduo Stenzl an? oder beim Klavierduo Walachowski? Da kann man einen ganzen Abend dabei verzocken. Ein amuse gueule nach dem anderen, aber satt wird man dabei nicht. Grund genug also, mich in den Zug zu setzen um die beiden jungen Virtuosen (*1993 und 1996) endlich auch einmal direkt zu erleben. Obendrein war das die passende Gelegenheit, mal nachzuschauen, ob die nach knapp sechs Jahren Sanierung gerade wieder eröffnete Konzerthalle am Schloss in Kiel den Erwartungen entspricht, die durch die gerade hereingeflatterte gmp-Pressemitteilung geschürt worden waren.
Bis Kiel bin ich mit dem Zug sechs Stunden unterwegs (wenn alles nach Plan läuft, womit man leider nicht rechnen kann). Also lieber die Fahrt so früh ansetzen, dass zwischen Ankunft in Kiel und Konzertbeginn genügend Zeit bleibt, sich vorher alles anzuschauen.
Federführend war das Hamburger Architekturbüro gmp (v.Gerkan, Marg und Partner), aber die Kieler Architekten bbp (Brockstedt, Bergfeld und Partner) hatten wohl den Löwenanteil der Sanierungsplanung zu bewerkstelligen. Zum Glück liegt deren Büro nur einen Steinwurf von der Konzerthalle entfernt. Dort traf ich mich mit Britta Stange, der Architektin, die das Sanierungsprojekt vor Ort geleitet hat. Das erste, was mir auffiel: In einem Architekturbüro erwartet man allerlei Computer mit riesigen Bildschirmen (Zeichentische? Das war früher mal), aber daneben einen imposanten Konzertflügel? Ja, ja, Björn Bergfeld spiele gut Klavier – und hin und wieder gebe es zum Ausklang nach Feierabend auch mal ein Konzert im Büro. Besser kann man wohl nicht darauf vorbereitet sein, wenn man sich um das wieder Flottmachen eines in die Jahre gekommenen Konzerthauses zu kümmern hat!

Foyer, Umgang im Obergeschoss (© Courtesy gmp, Marcus Bredt)
Die Leitlinie für den Umgang mit dieser Inkunabel der Sechziger Jahre bringt Nicolas Pomränke (Partner im Büro gmp) auf den Punkt: »Unser grundsätzliches Konzept war es, dem Ursprungsbau zu vertrauen und seine Klarheit und Eleganz wiederherzustellen. Jeder, der das Konzerthaus von früher kannte, soll es auch als solches wiedererkennen.« Daran hat man sich im Wesentlichen gehalten, aber nicht sklavisch. So bekommt es dem Foyer außerordentlich gut, dass sich die Umfassungswände des Konzertsaales optisch nicht mehr wegducken, sondern angenehm sanft weiß leuchten. So kann man bereits vom Schlossplatz aus vor dem Betreten des Foyers erkennen, wo die Musik spielen wird. Und auch das ursprünglich etwas lieblos wirkende Fördefoyer im Obergeschoß wurde – durch großzügige Öffnung zur Förde und eine Bar ganz erheblich aufgewertet.
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Das Fördefoyer im Obergeschoß wurde umgestaltet. Von der Bar aus schaut man jetzt auf die Förde – mit Fähranleger, Kreuzfahrtterminal und Werftgelände gegenüber (Foto: Wilfried Dechau)
Stimmung kurz vor dem Konzert …
Nach dem Rundgang durch das Haus gingen wir noch einmal in den Konzertsaal, um die Athmosphäre zu schnuppern, wenn der Klavierstimmer kurz vor dem Beginn des Konzertes ein letztes Mal die Flügel stimmt – und aufeinander abstimmt. Hier trafen wir dann auf Lucas Jussen, der die Arbeit des Klavierstimmers lakonisch mit den Worten kommentierte: »Uns wird man die Schuld geben, nicht ihm, wenn die Flügel im Konzert nicht gut klingen.«

Kurz vor dem Konzert kommt Lucas Jussen auf die Bühne, wo der Klavierstimmer noch bei der Arbeit ist (Foto: Wilfried Dechau)
… und dann stimmte einfach alles (nein: zweifach)!
Die beiden spielen wie entrückt von dieser Welt. Erst zu vier Händen an einem Flügel: Wolfgang Amadeus Mozarts Sonate für vier Hände, KV 381, dann die Fantasie f-Moll, D 940 von Franz Schubert (Wer das nachhören möchte, siehe oben: Grau Schumacher und Stenzl).
Nach der Pause geht es weiter an zwei Flügeln, zunächst mit Maurice Ravels La Valse (kann man, gespielt vom Piano Duo ShinPark nachhören, dann Igor Strawinskys Sacre du Printemps in der Version für zwei Klaviere (auch das kann man nachhören, sowohl von Lucas & Arthur Jussen als auch von Martha Argerich und Daniel Barenboim).
Eigentlich hätte der Saal brechend voll sein müssen, wenn da zwei Brüder spielen wie die jungen Götter!
Konzerthaus am Schloss
Architekten: gmp, Hamburg
Gebäudeplanung ARGE: gmp Generalplanungsgesellschaft mbH und bbp : architekten
Projektleitung gmp Stephan Schütz mit Nicolas Pomränke und Christian Hellmund
Projektleitung: bbp Björn Bergfeldt mit Christine Slomski, Britta Stange
Objektüberwachung bbp Sven Ahrens
Projektsteuerung: Schmitz.Reichard GmbH





