Durch die regelmäßige Verbreitung der alljährlich stattfindenden Festspiele über SWR Kultur wird Schwetzingen nicht nur mit seinem barocken Schloss und dem bezaubernden Schlossgarten, sondern auch mit seinen Musikfestivals in Verbindung gebracht. Die SWR Festspiele sind fester Bestandteil seit dem 24. Mai 1952, das Mozartfest wurde erstmals 1975 veranstaltet, den »Winter in Schwetzingen« gibt es seit 2006.
Im Rahmen des Schwetzinger Mozartfestes fand am 3. Oktober 2026 im Jagdsaal ein Konzert mit dem Vogler Quartett und Nikolaus Friedrich statt. Dabei wurde ein Werk des Komponisten Sascha Lino Lemke uraufgeführt.


Schloss Schwetzingen, Jagdsaal
68723 Schwetzingen

Schwetzinger Mozartfest
Schwetzinger SWR Festspiele
Winter in Schwetzingen

1969 wurde die Mozartgesellschaft Schwetzingen gegründet, 1975 fand das erste Mozartfest statt. In Erinnerung an Wolfgang Amadeus Mozarts Besuche am Kurpfälzischen Hof und in Schwetzingen findet es seither jeweils im September/Oktober statt. Welche Bedeutung die Besuche für Mozart hatten, geht aus einem Schreiben Leopold Mozarts hervor, das er 1763 an einen Freund in Salzburg richtete: »Meine Kinder haben ganz Schwetzingen in Bewegung gesetzet: Und die Churf. Herrschaften hatten ein unbeschreiblich vergnügen, und alles geriet in verwunderung.«

Schloss Schwetzingen, Jagdsaal. Die Decke ist in pastelligem Grün und Weiß gehalten. Von der Bühne her mischt sich frech farbiges Deckenfluter-Licht dazu. Das muss man nicht mögen. (Foto: Wilfried Dechau)

 

Jagdsaal. Die reich verzierten Stuckfriese an der Decke bedürfen keinerlei Farblichtorgien, die eher an eine Disco als an einen Konzertsaal erinnern. Farbiges Licht gehört seit einiger Zeit zum »Machbaren« der Lichtinszenierung – und wird leider ohne jegliche Disziplin gerade überall angewendet. (Foto: Wilfried Dechau)

 

Schloss Schwetzingen, Jagdsaal, Deckenuntersicht über dem Eingang vom Foyer (Foto: Wilfried Dechau)

3. Oktober 2026  Das seit 1985 in unveränderter Besetzung spielende, weltweit bekannte Vogler Quartett (Tim Vogler, Violine, Frank Reinecke, Violine, Stefan Fehlandt, Viola und Stephan Forck, Violoncello) inszeniert zusammen mit Nikolaus Friedrich, Bassettklarinette, die Uraufführung des Stücks »An:{Verwandlung}« von Sascha Lino Lemke. Es ist tatsächlich eine in der Partitur genau erläuterte Inszenierung. Sie beginnt damit, dass die fünf Musiker spielend nacheinander in den Jagdsaal kommen, zunächst im Saal verteilt einzeln an Notenständern spielen und erst im Laufe des Stücks auf der Bühne zusammenfinden.

Bei Sascha Lemkes Stück »An: {Verwandlung}«  heißt es an dieser Stelle der Partitur: »Während dieser Wiederholungstakte wandern alle zu ihren finalen Plätzen auf der Bühne. So oft wiederholen wie für den Weg nötig.«

 

Bei der Uraufführung des Werkes »An:{Verwandlung} sind inzwischen alle Musiker des Vogler Quartetts und Nikolaus Friedrich »zu ihren finalen Plätzen auf die Bühne gewandert«. Links im Bild sitzt der Komponist Sascha Lino Lemke und verfolgt das Spiel der Musiker (Foto: Wilfried Dechau).

Zugegeben, Neue Musik höre ich mir auf CD oder im Radio eher selten an. Aber dafür geht man ja ins Konzert. Wenn man die Musik nicht nur hören, sondern den Musikern zuschauen kann; wenn der Komponist dabei ist und aufmerksam die Interpretation seines Werkes verfolgt – dann wird das Ganze zu einem unerwartet aufregenden und großartigen Musik-Erlebnis.
Man möge mir aber folgende freche Bemerkung nachsehen: Nach solch gewagten Ausflügen in ungeahnte Tonwelten, die manch einer nie zuvor von einem Streichinstrument gehört hat, fühlt sich das anschließend gespielte Streichquartett von Mozart (d-Moll, KV 421) vergleichsweise konventionell an. Fast hätte ich gesagt: Langweilig. Noch einmal: Solche Musikerlebnisse gibt es nicht via Silberscheibe oder Radio. Das geht nur, wenn man dem Prozess des Musikmachens beiwohnt.

Das Vogler Quartett, nach dem Konzert. Seit 1985 dabei: Tim Vogler und Frank Reinecke, Violine, Stefan Fehlandt, Viola und Stephan Forck, Violoncello (Foto: Wilfried Dechau)

 

Foyer des Jagdsaals, Konzertpause (Foto: Wilfried Dechau)

Nach Uraufführung des Lemke-Stücks und dem Streichquartett von Mozart ist erst einmal Pause. Im Foyer spürt man es deutlich, dass der Jagdsaal nicht einmal zur Hälfte besetzt war. Der Komponist – und auch Mozart – hätten deutlich mehr Zuspruch verdient. Der Programmhinweis darauf, dass ein Werk uraufgeführt werde, scheint eher abschreckend zu wirken. Anders ist das viel zu geringe Interesse kaum zu erklären.

Sascha Lino Lemke, Komponist, bei der Werkeinführung seiner Komposition »An: {Verwandlung}« (Foto: Wilfried Dechau)

Am Vogler Quartett kann es nicht gelegen haben. Es zählt schon lange zu den weltbesten Quartetten. Am hinzugezogenen Klarinettisten kann es auch nicht gelegen haben. Nikolaus Friedrich spielt seit 1984 als Soloklarinettist im Orchester des Nationaltheaters Mannheim, hat als Solist unter anderem mit dem Nomos-Quartett, dem Henschel Quartett und dem Mandelring Quartett gespielt und ist fester Duo-Partner des Pianisten Thomas Palm, mit dem er alle Werke für Klarinette und Klavier von Max Reger auf CD eingespielt hat. Will sagen, er gehört ebenfalls in die Oberliga. Fazit: Liebes Publikum, habt keine Vorbehalte, geschweige Ängste vor Uraufführungen!

Nikolaus Friedrich, Bassettklarinette, vor dem Konzert (Foto: Wilfried Dechau)

Nach der Pause ging es weiter mit dem Quintett für Klarinette und Streichquartett, Es-Dur von Robert Fuchs. Gut, da wird sich auch mancher gefragt haben: Wer bitte ist Robert Fuchs? Muss ich in ein Konzert gehen, wo etwas gespielt wird, was ich vorher garantiert noch nie gehört habe? Ja, ganz genau! Gerade deshalb. Dieses Stück hätte man in der »Blindverkostung« Brahms zugeordnet. Fazit: Liebe FreundInnen der Musik, öffnet euch den Verlockungen des Unbekannten.

Stephan Forck schreitet zum Auftritt nach der Pause (Foto: Wilfried Dechau)

Noch läuft das Schwetzinger Mozartfest. Am 9. Oktober 2026 kommt das Trio Adorno in den Jagdsaal, mit lauter »alten Bekannten«: Klaviertrios von Mozart, Antonín Dvorák und Mendelssohn-Bartholdy. Am 10. Oktober 2026 kommt das Quatuor Ardeo, ebenfalls mit Vertrautem: Streichquartette von Mozart, Mendelssohn-Bartholdy und Beethoven. Und Florian Hölscher schließt das diesjährige Mozartfest am 11. Oktober mit Klavierwerken von Mozart, Anton Webern und Beethoven ab.


Weitere Informationen und Literatur zum Schloss Schwetzingen und dem Schlossgarten

Wilfried Dechau

Lübecker. Studierte Architektur an der TU Braunschweig, war bis 2004 Chefredakteur der db. Initiierte 1994 den Europäischen Architekturfotografie-Preis, ist seit 1999 Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Photographie. Hatte bis 2014 die Fotogalerie f75. Verfasste rund ein Dutzend Bücher zu Architektur und Fotografie; zahlreiche Ausstellungen und Preise. Schwerpunkte seiner Fotografie sind Architektur und Porträt. Lebt in Neustadt an der Weinstraße.