Fonte Vivace, das Festival für Alte Musik in der Kulturregion Aachen, 19. April bis 10. Mai 2026, fand nicht nur im Herzen Aachens, im Ballsaal des Alten Kurhauses, sondern an vielen weiteren Orten in und um Aachen statt. Der Ballsaal ist ein Prunkstück der Stadt, er steht nicht nur für Konzerte (mit rund 300 Sitzplätzen), sondern auch für Hochzeiten, Bankette, Tagungen und mehr zur Verfügung. Im Ballsaal spielte am 2. Mai 2026 das junge Berliner Ensemble Trio tiefsaits.


Altes Kurhaus
Aachen, Komphausbadstraße 19
1782-1786 nach Entwürfen von Jakob Couven erbaut
1943 nach Bombenangriff ausgebrannt
1965 bis 1969 teilweise wieder aufgebaut
Seit 1985 unter Denkmalschutz
https://altes-kurhaus-aachen.de/

 

Aachen, Altes Kurhaus in der Komphausbadstraße 19. Außen noch pfui (Sanierungs-Baustelle), aber innen hui (Foto: Wilfried Dechau).

Zur Baugeschichte

Das seit 1985 unter Denkmalschutz stehende Alte Kurhaus sieht von außen zur Zeit überhaupt nicht repräsentativ aus. Die Fassade ist komplett eingerüstet. Man fürchtet sich fast, durch das Schlupfloch unter dem Gerüst das Gebäude zu betreten. Ist man dann aber oben im prächtigen Ballsaal angelangt, versteht man, dass der Saal von der Stadt Aachen für allerlei – und eben musikalische Anlässe zur Verfügung gestellt wird.

Die Gartenfassade der Redoute zu Aachen von Jakob Couven. Aus: Jakob Couven; Joseph Buchkremer – Joseph Buchkremer: „Die Architekten Johann Joseph Couven und Jakob Couven.“ in ZAGV, Bd.17, 1895. (Bild: gemeinfrei)

Die Planung der Neuen Redoute geht auf Jakob Couven (1735-1812), den Sohn des Aachener Stadtarchitekten Johann Josef Couven (1701-1763) zurück. Am Aachener Hühnermarkt hatte ebenjener Jakob Couven ein Wohnhaus umgestaltet, das die Stadt Aachen 1951 in ihren Besitz brachte und 1958 als »Couven-Museum« eröffnete.
Am 14. Juli 1943 ist das Kurhaus bei einem Bombenangriff ausgebrannt. Zwischen 1914 und 1916 wurde die Bedeutung Aachens als Kur- und Badeort neu belebt, wobei der Aachener Stadtpark grundlegend umgestaltet und gezielt an die Bedürfnisse der Kurgäste angepasst worden ist. Im Stadtpark steht übrigens die Musikmuschel, die bereits zur Zeit ihrer Entstehung regelmäßig für Kurkonzerte und musikalische Darbietungen genutzt wurde. Die Musikmuschel wird seit Anfang 2026 saniert.

1965 bis 1969 wurde unter Leitung des Aachener Stadtkonservators Hans Königs ein Teil des Alten Kurhauses mit dem Ballsaal wiederaufgebaut. Der Gartenflügel mit dem großen Konzertsaal musste einer neuen Straßenführung weichen und wurde abgerissen. Den Verlauf des ehemaligen Gebäudeflügels markiert heute die sogenannte Klangbrücke. Die Neue Redoute gilt heute als ein bedeutendes Kurgebäude des 18. Jahrhunderts. Sie war das Zentrum des gesellschaftlichen Kurlebens. Der funktionell gegliederte Bau wird als einer der wichtigen Vorläufer für die populären Kurhäuser des 19. Jahrhunderts angesehen. (wikipedia)

Die Gegenwart

Das »Alte Kurhaus« ist heute ein Kulturbetrieb der Stadt Aachen, der 265 Quadratmeter große Ballsaal wird über die Komphausbadstraße 19 erschlossen und ist barrierefrei zu erreichen. Er bietet mit 300 Stühlen auch den Rahmen für klassische Kammermusikformate. Zum Vergleich: Der Festsaal im Couven-Museum bietet auf etwa 55 Quadratmetern Platz für maximal 60 Gäste.

Aachen, Ballsaal im Alten Kurhaus. 24 x 11 Meter groß, 8 Meter hoch (Foto: Wilfried Dechau)

2. Mai 2026. Dreihundert Zuhörer hätten Platz gefunden. Man hätte dem jungen Trio tiefsaits ein volles Haus gewünscht, sie hätten es verdient. Gekommen sind nicht einmal hundert MusikfreundInnen. Aber bestimmt nicht, weil es kurz zuvor »Hunde und Katzen geregnet hat«? Liebe AachenerInnen, rennt doch bitte im nächsten Jahr dem Festival Fonte Vivace die Türen ein! So viel hochkarätige, talentierte Musikerinnen und Musiker kommen für das Festival in die Stadt. Das Ganze verpackt in ein anspruchsvolles, aber keineswegs überforderndes oder zu hochgestochenes Programm – zusammengestellt von Lorenzo Alpert und Judith Konter (künstlerische Leitung) und organisiert von Martin Kruska, Klaus Schruff und Ulrike Schaar. Aachen verfügt über zahlreiche Räume, die sich für unterschiedliche Musikformate eignen.

Aachen, Ballsaal. Konzert »A Tre« mit dem Trio tiefsaits, Mirjam-Luise Münzel, Alma Stolte, Anna Reisener (Foto: Wilfried Dechau)

Das Trio tiefsaits ließ sich nicht davon beeindrucken, dass die Reihen nicht gefüllt waren. Es spielte begeistert und begeisternd ein klug zusammengestelltes Programm mit Werken von Händel (1685-1759), Jean-Baptiste Barrière (1707-1747) und Benedetto Marcello (1688-1739), aber vor allem mit Werken von Giuseppe Clemente Dall’Abaco (1710-1805). Wer dieses Konzert versäumt hat, kann mindestens einen Teil davon zuhause auf CD anhören: Die Sonata No.2 a Tre von Barrière und die Sonata a Tré No. 2 von Marcello gibt es auf der CD »A Tre – 18th Century Cello Trios auf CD«.

Alme Stolte, Trio tiefsaits, Probe vor dem Konzert (Foto: Wilfried Dechau)

 

Trio tiefsaits, Anna Reisener, Alma Stolte und Mirjam-Luise Münzel, nach dem Konzert, gelöst und entspannt  (Foto: Wilfried Dechau)

Am Sonntag ging das Festival Fonte Vivace in Aachen mit dem Abschlusskonzert »Let’s go Baroque!« in der Salvatorkirche zuende.

Aktuelle Informationen unter: Fonte Vivace und Wohnzimmerkonzerte


Literatur:
Marcel Bauer, Frank Hovens, Anke Kappler, Belinda Petri, Christine Vogt, Anke Volkmer: Unterwegs auf Couvens Spuren, Eupen, 2005
Wilfried Dechau

Lübecker. Studierte Architektur an der TU Braunschweig, war bis 2004 Chefredakteur der db. Initiierte 1994 den Europäischen Architekturfotografie-Preis, ist seit 1999 Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Photographie. Hatte bis 2014 die Fotogalerie f75. Verfasste rund ein Dutzend Bücher zu Architektur und Fotografie; zahlreiche Ausstellungen und Preise. Schwerpunkte seiner Fotografie sind Architektur und Porträt. Lebt in Neustadt an der Weinstraße.