»Die Orgel am Ende der Welt« – schrieb Martin Kaluza über die Arp-Schnitger-Orgel in der Alten Kirche auf der grünen Insel Pellworm (FAS vom 5. Juli 2026). Pellworm ist kein Tourismus-Hotspot, wer Schickimicki sucht, ist hier falsch. Pellworm bietet entschleunigten Tagesablauf und absolute Ruhe. Aber ganz im Westen der Insel, achtern Diek (hinterm Deich) da gibt es eine Orgel, die ihresgleichen sucht, 1711 gebaut von dem seinerzeit berühmtesten Orgelbauer Arp Schnitger (1648-1719). Seit über fünfzig Jahren werden hier alljährlich Konzerte gegeben und Orgelführungen angeboten (Pellwormer Orgelsommer, vom Juni bis Anfang September). Schon allein deshalb ist Pellworm eine Reise wert, auch wenn die mitten im Wattenmeer gelegene Insel »etwas ab vom Schuss« liegt.


Kirche Sankt Salvator
Alte Kirche 5, 25849 Pellworm
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Reise ans Ende der Welt

4. bis 7. August 2026: Um die letzte Fähre zu erreichen, muss man die Reise zeitig beginnen. Wenn alles glatt läuft, ist mit einer neuneinhalbstündiger Reise zu rechnen (zum Beispiel von Mannheim aus). Auf der Insel angekommen, steigt man in ein Sammeltaxi, um die Unterkunft zu erreichen. Auf jeden Fall eine Stunde vorher anrufen (04844 1515).

Pellworm, auf dem Deich. Kirche Sankt Salvator mit Turmruine (Foto: Wilfried Dechau)

Arp Schnitger (1648-1719), neben Gottfried Silbermann der seinerzeit weltweit bedeutendste Orgelbauer, ist vergleichsweise bekannt. Aber dass eines seiner ausgereiftesten Spätwerke ausgerechnet auf Pellworm, der grünen Insel mitten im Wattenmeer mit rund 1100 Einwohnern und dreimal so vielen Schafen zu finden ist, wusste ich nicht. Im Reiseteil der FAS am 5. Juli 2026 überraschte also der Beitrag über »Die Orgel am Ende der Welt«. Was Martin Kaluza über die Alte Kirche schrieb, ließ aufhorchen: Da »steht man, direkt am Deich, vor einer alten Kirche. Darin eine der schönsten Orgeln, die im 18. Jahrhundert gebaut wurden. Zuverlässig fegt der Wind von der Nordsee aus über den Kirchturm aus Backstein, der massig die Kirche und den Deich überragt, obwohl seit über 400 Jahren nur noch die Hälfte von ihm übrig ist. (…) Arp Schnitgers Orgeln waren gebaut für die Ewigkeit. Doch die Ewigkeit wirkt an keinem Ort so fragil wie auf Pellworm. Nicht nur, dass die Orgel im Schatten des halb eingestürzten Kirchturms liegt. Die ganze Insel würde verschwinden, wenn es die Deiche nicht gäbe, denn Pellworm liegt einen Meter unter dem Meeresspiegel.«

Vor allem auf dem Deich begegnen einem Schafe auf Schritt und Tritt. Am Westende der Insel, achtern Diek liegt die Kirche Sankt Salvator mit Turmruine. Der Turm soll mal doppelt so hoch gewesen sein. Bei dem eher unsicheren Baugrund darf man auf das Sprichwort »Hochmut kommt vor dem Fall.« hinweisen (Foto: Wilfried Dechau).

Die Reise nach Pellworm lohnt sich. Sankt Johannis in Nieblum auf der Nachbarinsel Föhr ist vielen Nordseeurlaubern bekannt, ebenso wie Sankt Severin in Keitum (Sylt) mit seiner relativ jungen Mühleisen-Orgel, wo jeden Mittwoch Abend Orgelkonzerte stattfinden.
Auf Pellworm ist man nun überall achtern Diek, das heißt, das Meer sieht man nur, wenn man auf dem Deich ist – oder im mindestens zweiten Obergeschoß eines Hauses. Auf dem nicht ganz nächsten, aber über Land und Meer erhabenen Weg oben auf dem Deich geht es von der Hooger Fähre im Nordwesten der Insel zur Alten Kirche Sankt Salvator, deren Turm man schon von weitem sehen kann. Auf der Deichkrone lernt man sehr schnell, was es heißt, die Insel und dort vor allem die Deiche mit rund dreitausend Schafen zu teilen.

Pellworm, Sankt Salvator, Blick vom Süden auf  Turmruine und Langhaus (Foto: Wilfried Dechau)

Die erste Kirche an dieser Stelle wurde im 11. Jahrhundert aus Holz gebaut, um das Jahr 1200 dann durch einen Steinbau ersetzt. Der Kirchturm kam im 13./14. Jahrhundert hinzu. Er soll anfangs eine Höhe von 52 Metern gehabt haben und diente lange Zeit als Seezeichen. Am 5. April 1611 stürzte der Turm teilweise ein, wodurch das Kirchenschiff beschädigt wurde. Der Wiederaufbau verzögerte sich durch die Burchardiflut, eine verheerende Strumflut in der Nacht vom 11. auf den 12. Oktober 1634. Pellworm wurde durch diese Flut von der Insel Strand getrennt. Die Erneuerung der Deiche hatte oberste Priorität, deshalb konnte die Erneuerung des zerstörten westlichen Teils des Kirchenschiffs erst 1687 abgeschlossen werden. Der Turm wurde nicht wieder aufgebaut, er bleibt als 26 m hohe, beeindruckende Backstein-Ruine.
Die Kirche liegt, dem Himmel etwas näher, auf einer Warft. Von Süden her nähert man sich über den begrünten Buckel des Friedhofs. Einzelne Grabstellen liegen verstreut im Grün. Die Namen gleichen jenen auf der Tafel im Inneren, auf der die 54 Stifter der 1711 gebauten Orgel verzeichnet sind: Brodersen, Rickmersen, Backsen. Hansen, Feddersen, Levesen…

Von weitem ist schon das Brausen und Tosen der Orgel zu hören. Heinz-Peter Kortmann, Organist, Kantor und Chorleiter in Krefeld macht sich vertraut mit der Arp-Schnitger-Orgel und übt für die beiden Konzerte, die er am Tag darauf geben wird: Am Nachmittag für Kinder und Junggebliebene, am Abend dann ein Programm mit Stücken von Dietrich Buxtehude, Giralomo Frescobaldi, Matthias Weckmann, Louis Couperin, Heinrich Scheidemann und Vincent Lübeck, alles Komponisten aus der Zeit, als diese Orgel gebaut wurde. Kortmann hat aber auch ein zeitgenössisches Stück auf dem Programm: die Suite Modulaire von Joris Verdin (*1952).

Die Orgel schlagen

4. August 2026, Heinz-Peter Kortmann, Krefeld, probt auf der Arp-Schnitger-Orgel. Die Redewendung »Die Orgel schlagen« stammt aus dem Mittelalter, als die Orgeln noch recht grobschlächtig waren. Die breiten Tasten mussten mit viel Kraft, mit dem Ellbogen oder der Faust »geschlagen« werden (Foto: Wilfried Dechau).

Die schwere, einfache Holztür klemmt ein wenig, man muss schon beherzt die Klinke herunter und mit der Schulter kräftig gegen die Tür drücken, um herein zu kommen. Geräuschlos geht das nicht. Aber Hans-Peter Kortmann ist so vertieft in Scheidemanns Alleluja, dass er mich erst bemerkt, als ich oben auf der Empore neben ihm stehe.

4. August 2026, Heinz-Peter Kortmann, Krefeld, spielt das »Alleluja, laudem dicite Deo nostro« von Heinrich Scheidemann (Foto: Wilfried Dechau).

Alex Reach schreibt am 10. April 2021 über den Organisten: »Heinz-Peter Kortmann ist es, der das Kircheninnere mit Orgelklängen belebt. Eine innere und äußere Ruhe zeichnet den Organisten aus. Lauschende Zuhörer blendet er aus. Wer Kortmann in Aktion erlebt, merkt, dass er und die Orgel eine Einheit bilden. Nach Jahrzehnten des Spielens beherrscht er das gigantische Instrument virtuos und kann es nahezu blind zu jeder Tages- und Nachtzeit spielen. Seine feingliedrigen Finger bewegen sich in sicheren, schweifenden Bewegungen über die Tasten der Manuale.«

Arp-Schnitger-Orgel, Aufblick vom Orgelhocker (Foto: Wilfried Dechau)

Durch Mark und Bein

Zugegeben, es ist ein Glück, als Fotograf beim Proben dabei sein zu dürfen. Aber auch während des gut besuchten Konzertes am Abend bewirkt das Orgelspiel eine Gänsehaut. Mit der Orgel vermag man von pianissimo bis fortissimo einen Raum gewaltig zu füllen.

5. August 2026, Orgelkonzert mit Heinz-Peter Kortmann, Krefeld (Foto: Wilfried Dechau)

Wie schon bei Sankt Severin in Keitum angesprochen, sind auch hier die Bank- oder Stuhlreihen in der Kirche auf die Kanzel ausgerichtet, nicht auf die Orgel – die braust einem von hinten um die Ohren. Den Organisten kann man in der Regel nicht sehen. Kann man im Konzertsaal den Blick gleiten lassen, mal beim Cello verharren, mal beim Fagott, mal beim Dirigenten – ist in der Regel im Orgelkonzert der Blick auf den Raum und nicht Musiker und Instrumente gerichtet.

Diese Arp-Schnitger-Orgel verfügt über 24 Register und zwei Manuale. Was man von außen nicht sieht: Die Orgel hat 32 Pfeifenreihen, und die Ton- und Registertraktur erfolgt mechanisch (Foto: Wilfried Dechau).

Die Orgel erklären

Wer sich nach Pellworm auf den Weg gemacht hat, um an einem der Mittwochskonzerte teilzunehmen, sollte unbedingt auch noch den jeweils darauf folgenden Donnerstag mit einplanen. Denn dann macht Matthias Hoffmann-Borggrefe, pensionierter Kirchenmusikdirektor der Hamburger Nikolaikirche, eine Orgelführung.

6. August 2026:  Matthias Hoffmann-Borggrefe ist ein brillanter Erzähler. Man erfährt sehr viel über die Faszination der Orgel, über das Orgelspiel und – zwischen den Zeilen – über seine Begeisterung für die Orgel in der Alten Kirche Pellworm (Foto: Wilfried Dechau).

Natürlich spricht er dann auch über ein paar technische Daten, aber viel wichtiger ist ihm, über die Geschichte der Orgel zu reden, begreifbar zu machen, wie so ein Instrument zu seiner Bauzeit auf die Menschen gewirkt haben muss: »Es war die Zeit der Stille. Wenn dann die Orgel loslegte, hat das die Menschen erschüttert.« Das trifft auch heute noch zu – in einer Zeit, die alles andere als still ist.

Liste der 54 Stifter-Familien für die Arp-Schnitger-Orgel, 1711 (Foto: Wilfried Dechau)

Die atmende Orgel

54 Pellwormer Familien hatten Anfang des 18. Jahrhunderts beschlossen, beim damals besten und berühmtesten Orgelbauer Arp Schnitger eine Orgel für ihre Kirche in Auftrag zu geben. Auf dem fruchtbaren Marschboden konnten die Bauern zwei Ernten im Jahr einfahren, sie hatten Geld. Auch einen Organisten leistete man sich, es wurde damals eigens dafür ein Fonds eingerichtet. »Organisten wie etwa der Husumer Nicolaus Bruhns waren Popstars. Sie waren nicht an einzelne Kirchen gebunden und ließen sich engagieren.« – erläutert Hoffmann-Borggrefe.

Matthias Hoffmann-Borggrefe spielt das Große e-Moll-Präludium von Nicolaus Bruhns  (Foto: Wilfried Dechau).

 

Arp-Schnitger-Orgel, zwei Manuale, auf dem Bord darüber die Partitur des Präludiums von Nicolaus Bruhns – auf dem Tablet (Foto: Wilfried Dechau)

Das gewaltige e-Moll-Präludium von Nicolaus Bruhns spielt er vor der Orgelführung in der Kirche. Bei der Orgelführung folgt dann das Orgelstück, das wohl ein jeder kennt: Bachs Toccata und Fuge in d-Moll und kommentiert es mit den Worten: »Nicht, weil es ein so schönes Stück ist, sondern weil es so viel Luft verbraucht.«

 

Arp-Schnitger-Orgel, Arbeitsplatz des oder der Kalkanten (Balgtreter) hinter der Orgel (Foto: Wilfried Dechau)

Zwei seiner Gäste lässt er den Balgtritt treten. Heutzutage kommt der Wind für die Orgel üblicherweise von einem elektrisch betriebenen Gebläse. Aber bei dieser Orgel lässt sich der Wind zum Glück auch noch mechanisch erzeugen. So führt Hoffmann-Borggrefe vor, wie die Orgeltöne »atmen«, wenn der Wind mit dem Balgtritt erzeugt wird. Und dieses Atmen gibt es beim elektrisch erzeugten, stets gleichmäßigen Wind eben nicht. Es lohnt sich, die Orgelführung mit einzuplanen.

Der Orgelsommer 2026

Der Pellwormer Orgelsommer 2026 geht allmählich zuende. Am 26. August 2026 spielt Elizaveta Suslova, Brandenburg/Berlin auf der Arp-Schnitger-Orgel, am 27. August gibt es eine Orgelführung mit Hoffmann-Borggrefe, am 2. und am 9. September gibt Julia Götting, Kirchenmusikdirektorin aus Hamburg, die beiden letzten Konzerte dieser Saison.


Literatur
(1) Cornelius H. Edskes und Harald Vorgel: Arp Schnitger und sein Werk: Bildband mit den erhaltenen Orgeln und Prospekten Arp Schnitgers. Bremen 2009
(2) Norddeutsche Orgelbauer und ihre Werke. Berlin, 10 Bde., Berlin, 2001 f.
(3) Norddeutsche Orgeln. Berlin, 17 Bde., 1964-2018
Wilfried Dechau

Lübecker. Studierte Architektur an der TU Braunschweig, war bis 2004 Chefredakteur der db. Initiierte 1994 den Europäischen Architekturfotografie-Preis, ist seit 1999 Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Photographie. Hatte bis 2014 die Fotogalerie f75. Verfasste rund ein Dutzend Bücher zu Architektur und Fotografie; zahlreiche Ausstellungen und Preise. Schwerpunkte seiner Fotografie sind Architektur und Porträt. Lebt in Neustadt an der Weinstraße.