Generalprobe 2022: Gespielt wird Tschaikowskis Violinkonzert, es sitzen gut 40 Musikerinnen auf der Bühne, und statt auf einen Dirigenten konzentrieren sie sich auf den Geigenvirtuosen Vadim Gluzman, dem das Spiel offensichtlich immense Freude bereitet. Als das Orchester beginnt, versetzt es den ganzen Raum in spürbare Schwingungen, die Musik umgibt Publikum und Orchester gleichermaßen. Grund dafür ist die eigenartige Geometrie, die mit konvexen Flächen den Raum dominiert, der explizit für Kammermusik entworfen wurde und daraus seine Faszination entwickelt. Er wird eine Pilgerstätte für Freunde dieses Musikgenres.
Erstveröffentlichung: www.marlowes.de, 27. September 2022
Überarbeitung: August 2026
Casals Forum, Kronberg Academy Stiftung
Beethovenplatz 1 und 2, 61476 Kronberg / Taunus
www.casalsforum.de | www.kronbergacademy.de
Kronberg liegt im Hochtaunuskreis, der wiederum liegt auf Platz 3 der zehn reichsten Landkreise der Republik.1) So stellt sich die Frage nicht, wieso ausgerechnet hier im Taunus durch privates Engagement und öffentliche Förderung ein nagelneuer Kulturbau entstand, dessen Ausstattung kaum zu wünschen übrig lässt.
Treibende Kraft seit der Stiftungsgründung 1993 ist allerdings der in Berlin aufgewachsene, exzellente Cellist Raimund Trenkler, der mit hohem Engagement, fachlicher Souveränität, ethischem Anspruch und im Gedenken an den Cellisten und Humanisten Pablo Casals (1876-1973) die Kronberg Academy mit dem Casals Forum managt. Er möchte jungen, hochtalentierten MusikerInnen einen »Schutzraum« schaffen, in dem sie ihre eigenen Fähigkeiten und den Kontakt zu Kollegen entwickeln können, zugleich aber eine offene Atmosphäre erleben, die sie als Persönlichkeiten reifen lässt. Die herausragenden Musiktalente sind, wenn sie hier anfangen, manchmal noch Spätpubertierende. Die Kronberg Academy finanziert sich durch Zuwendungen von Bund und Land und Stadt, aber auch mit Spenden aus aller Welt: Begeisterte Musikfreunde sowie kulturbeflissene Unternehmen und Institutionen müssen auch dafür sorgen, dass der Betrieb konstant finanziert bleibt, wobei das Land jährlich immerhin mit 250.000 Euro fördert.
Privilegiert ist Kronberg im Vergleich zu anderen Landkreisorten dadurch, dass eine durchgehende S-Bahn zum Zentrum Frankfurts fährt. Die S-Bahn-Station Kronberg liegt etwas unterhalb des alten Ortskerns am Rande eines Parks, der die Gediegenheit des Ortes ankündigt. Genau hier, zwischen S-Bahn und Park realisierte die 1993 gegründete Kronberg Academy ihr neues »Casals Forum«, ein Ausbildungs- und Aufführungszentrum für die Hochbegabten mit den Instrumenten Violine, Viola und Violoncello, auch das Klavier gehört zu den kleinen Besetzungen. Zum Academy-Ensemble gehört auch ein Hotel.
Die Stiftung kaufte zunächst den gesamten Baugrund, zusammen mit dem Hotelbetreiber wurde ein Raumprogramm als Grundlage eines Wettbewerbs erarbeitet, zu dem unter anderem Jean Nouvel, Daniel Libeskind und Axel Schultes eingeladen waren. Aber das Büro von Volker Staab gewann diesen Wettbewerb, vor allem, weil die stadträumliche Konzeption in seiner Gebäudekonstellation überzeugte. Eine Expertise im Konzertsaalbau hatten die Architekten nicht, orientierten sich am Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie und schlugen eine Weinberg-Variante für Kronberg vor.
Aus der S-Bahn kommend, sieht man den zeltartig überdachten Konzertsaal zunächst nicht, denn es dominiert ein Hotelneubau, der eine mächtige Front zum Hang bildet und die Blickbezüge – umgekehrt – vom Beethovenplatz und von den Terrassen des Casals Forums Richtung Frankfurt leider verbarrikadiert. Hangaufwärts, zum Ortskern Kronberg hin, überrascht die Kontur des Konzertsaals, der einerseits durch die Dachform als Solitär wirkt, andererseits topographisch und mit teils verglaster Außenhülle vielfältig mit der Umgebung verzahnt ist. Kommt man vom Ort aus zur S-Bahn, wirkt das Casals Forum tatsächlich wie ein Pavillon.

Der Topographie angepasst, führt eine großzügige Treppe vom unteren Foyer hinauf zum oberen, das sich zum Park hin öffnet. (Bild: Ursula Baus)
Die Kammermusik
Die Hülle des Forums öffnet sich zum Park und gewährt umlaufend Einblicke in den Saal, dessen Größe für Kammermusik nachgerade ideal ist. Im Ganzen 550 Plätze, davon 350 im Parkett, sind für kleine Ensembles bis zu zehn MusikerInnen optimal; vom Trio übers Streichquartett zum Nonett – so war es ursprünglich, »Kammermusik« heute wird weiter gefasst. Orchester mit bis zu 65 Mitgliedern kommen mir, nachdem ich die Generalprobe gehört habe, aber doch zu wuchtig und zugleich scharf vor. Vadim Gluzmans Violine wird unglaublich brillant wahrgenommen, das Orchester nicht unbedingt als Ganzes. Großartig ist die phänomenale, packende Nähe von Musikern und Publikum.
Bei der Generalprobe sitzt András Schiff, der im Anschluss probt, in einer leeren Reihe und hört zu, außerdem wechseln die beiden Akustikexperten Martijn Vercammen und Margriet Lautenbach von Peutz immer mal wieder die Plätze. Die von Thonet gebauten Stühle sind gepolstert und mit Wollstoff bezogen, wenn Plätze leer sind, hat dies wenig Einfluss auf den räumlichen Klang.
Raimund Trenkler, im wahrsten Sinne des Wortes der Bauherr, hatte Akustiker und Architekten quasi gleichberechtigt in den Entscheidungen zusammengebracht, was dann die eine oder andere harte Auseinandersetzung zur Folge hatte: Wer trifft die Gestaltungsentscheidungen, wenn zwischen Akustik und Optik, zwischen Hören und Sehen abgewogen werden muss? Konzerte werden nicht allein zum Hören besucht, nur zum Sehen und Gesehen Werden allerdings auch nicht. Unbeirrbar bestand Raimund Trenkler als Bauherr darauf, dass hier gut auszubalancieren sei und darauf, dass Termine eingehalten wurden.

Das Casalsforum, im Blick von der S-Bahn aus kommend linksseitig. (Foto: Staab Architekten, Markus Ebener)
Die Schallstreuung
Volker Staab und Martijn Vercammen respektieren heute einander, mehr noch: Wenn Volker Staab nochmal an einem Konzertsaal-Wettbewerb teilnehmen würde, dann von Anfang an mit Martijn Vercammen. Hier im Casals Forum bestand dieser auf konvexen Wandflächen, um die Schallwellen zu streuen, also zu den Publikumsplätzen zu lenken und auf einem Raumvolumen, das auch für orchestrale Nutzung angemessen ist. Denn inzwischen gibt es gleich drei »Orchestras in Residence« in Kronberg: das transkulturelle Bridges-Kammerorchester, die Kremerata Baltica und das Chamber Orchestra of Europe. Gearbeitet wurde mit vielen Computersimulationen, aber auch mit Modellen bis zum Maßstab 1:10. Das ist aufwendig, aber muss sein, wenn im Ergebnis das Bestmögliche erreicht sein will.
Die konvexen, holzvertäfelten Flächen – Eiche natur –, variable Paneele mit unterschiedlichen Absorptionsflächen in den oberen Saalzonen, der amöbenartige Grundriss: Im Ganzen umfängt die Besucher ein intimer Raum, der aufgrund des Tageslichts keinen Höhlencharakter hat.

Blick zur Saaldecke; das Foto ist nicht schief, vielmehr ist der Grundriss leicht unregelmäßig. Rechts und links oben sind die beweglichen Paneele zu sehen. (Bild: Ursula Baus)
Es fällt Musikfreunden die Verizon Hall in Philadelphia ein, hierzulande immer auch der Kammermusiksaal in Berlin und dort auch der Saal der Barenboim-Said Akademie.
Zur Technik: Mit einer hochleistungsfähigen Lüftungsanlage werden stündlich vier Luftwechsel bewerkstelligt – oft führt dergleichen zu sehr störenden Geräuschen. Im Casals Forum hört man nichts von der Lüftungstechnik. Hingewiesen sei noch auf die energietechnische Qualität (CO2-neutral, mit Ökostrom betriebene Wärmepumpe, Eisspeicher), die ein Nachhaltigkeitszerfikat erwarten lässt.







