Die ehemalige Klosterkirche (heute protestantische Kirche) in Lambrecht ist eines der bedeutendsten Bauwerke der Reduktionsgotik in der Pfalz. Das Kloster selbst wurde um 977 gegründet, das heutige Kirchengebäude allerdings stammt aus dem 14. Jahrhundert. Bemerkenswert ist die 1777 erbaute, vorzüglich erhaltene Johann-Georg-Geib-Orgel. Grund genug, sie alle Jahr wieder in den Neustadter Orgelsommer einzubeziehen. So auch am 13. September 2026, als die beiden Organisten Yves Rechsteiner und Julian Emanuel Becker ein Konzert gaben.
Klosterkirche Lambrecht (heute protestantische Kirche)
Marktstraße 29, 67466 Lambrecht
Tel.: +49 6325 8154
Kirchengemeinde
Wikipedia
Das Kloster Lambrecht wurde um 977 als Benediktinerkloster gegründet und 1244 von Dominikanerinnen übernommen. Die Schwestern ließen unter der Priorin Kunigunde von Fleckenstein eine prachtvolle Klosterkirche erbauen – den Ordensregeln gemäß ohne Turm. Auf dem hoch aufragenden Dach der Hallenkirche trohnte nur einen Dachreiter. Nach konfessionellen Streitigkeiten wurde 1890-92 eine neue Orgelempore und Eingangshalle gebaut. Das heutige, eher wie ein Fremdkörper anmutende Glockenhaus wurde erst 1922 ergänzt – eigenartigerweise (laut Website der Stadt Lambrecht) auf ausdrücklichen Wunsch der Denkmalpflege.
Im Inneren – heute noch etwa 45 m lang, 9,45 m breit und 16,70 m hoch – war der Kirchenraum aufwändig ausgemalt. Doch in der Reformationszeit kamen mit dem Calvinismus die Bilderstürmer und übertünchten die spätgotischen Malereien. Erst Mitte des letzten Jahrhunderts wurde begonnen, die teils bis zu siebenfach überstrichenen Wandmalereien wieder freizulegen.

Klosterkirche Lambrecht, 13.September 2026: Der West-Eingang wird gerade barrierefrei umgestaltet (Foto: Wilfried Dechau)
Dem reformatorischen Bildersturm sind nicht nur Wandmalereien, sondern auch Skulpturen und Kirchenfenster und oft auch Orgeln zum Opfer gefallen. Die Orgel in der Klosterkirche wurde 1777 von Johann Georg Geib aus Saarbrücken gebaut, also in einer Zeit, als sich der Sturm längst gelegt hatte. Sie ist hervorragend erhalten und wurde 1977 von Johannes Klais Orgelbau restauriert. Detaillierte Informationen zu dieser Orgel finden sich bei organindex.de.

Manual der Johann-Georg-Geib-Orgel. Spiel- und Registertrakturen sind mechanisch (Foto: Wilfried Dechau)
Orgelmusik vom Feinsten
Der Neustadter Orgelsommer 2026, der in verschiedenen Kirchen und an unterschiedlichen Orgeln stattfindet, stand unter der Überschrift »Bach, die Goldenen Zwanziger – 10 Jahre Edskes-Orgel. Champions-League-Qualität der Alten Musik«. Das Lambrechter Konzert präsentierte Bachs Vorbilder Johann Caspar Kerll, Johann Pachelbel und Johann Ulrich Steigleder.
Im Programm hieß es: »›Back to the roots‹ könnte dieser Ausflug in die Klosterkirche Lambrecht auch betitelt sein. Die Orgel von 1777 gehört zu den Top 5 Denkmalorgeln in Rheinland-Pfalz, die Werke des Abends stammen von Vorfahren Bachs aus seinem thüringischen Umfeld. Beste Voraussetzungen für das Ergründen des Rätsels, warum aus dem wissbegierigen kleinen Jungen so ein großartiger Komponist werden konnte.«
13. September 2026 – an diesem Abend bestritten zwei Organisten ein exzellentes Konzert: Zum einen der aus Lyon angereiste Profi Yves Rechsteiner, seit 1995 Generalbass-Professor am CNSMD Lyon (Conservatoire national supérieur de musique et de danse), seit 2014 Leiter des Festivals »Toulouse les Orgues«, und zum zweiten Julian Emanuel Becker aus Hannover / Leipzig. Yves Rechsteiner spielte eine Toccata von Georg Muffat, die Ciacona in f von Johann Pachelbel, zwei Stücke von Johann Caspar Kerll und abschließend die Toccata in e von Johann Sebastian Bach.
Oben auf der Empore konnte ich ihm beim Spiel zuschauen, konnte sehen und hören, was er spielt, auf den Kirchenbänken unten kann man ihn nur hören. Aber was heißt hier »nur«? Welch ein Erlebnis, dem Spiel eines hervorragenden Organisten zu lauschen, wenn einfach alles stimmt, wenn Orgel, Raum und Organist perfekt zueinander passen.
Frisch ausgezeichnet: Julian Emanuel Becker
Julian Emanuel Becker ist Jahrgang 2005. Ihn mit seinen gerademal 21 Jahren als »Youngster« zu bezeichnen, wird dem herausragenden Organisten nicht gerecht. Denn bereits 2023 gewann er die St. Albans International Organ Competition, 2024 in Leipzig den ersten Preis beim Internationalen Bach-Wettbewerb, 2025 den Preis des Deutschen Musikwettbewerbs und wenige Tage vor seinem Auftritt in Lambrecht bekam er beim 75. Internationalen Musikwettbewerb der ARD den dritten Preis im Fach Orgel! Er spielte »Dass Vatter Unser Auff Toccata Manier« von Johann Ulrich Steigleder. Und natürlich – um den Kreis zu schließen – abschließend zwei Stücke von Johann Sebastian Bach.

Frenetischer Schlußapplaus für Yves Rechsteiner und Julian Emanuel Becker. Im Hintergrund, in der Apsis der Klosterkirche sieht man die ersten Erfolge der mühsamen Freilegung spätgotischer Seccomalerei aus dem 14. Jahrhundert (Foto: Ursula Baus)
Nach dem Konzert stellten sich beide Organisten den begeisterten Zuhörern. Der Applaus galt zu einem Teil wohl auch dem zuende gehenden, viel besuchten und erfolgreichen Neustadter Orgelsommer, der mit zwölf Konzerten zum Hotspot der sommerlichen Orgelfestivals geworden ist. 2027 folgt der Orgelherbst.








