„Hier, wo mein Wähnen Frieden fand.“ Am 24. Juli 2026 wurden die 111. Bayreuther Festspiele eröffnet. Bayreuth ist der Festspielhausort schlechthin. Mit dem Namen Richard Wagner und seiner Wohnortwahl, skandalumwitterter und antisemitischer Geschichte, Besucherprominenz und familiären Konflikten verknüpft, verändert sich das Legendäre regelmäßig. Und mit der Ein-, Aus- und Wiedereinladung von Michel Friedman, der sich am Eröffnungstag mit der antisemitischen Geschichte des Festivals befassen wird, ist 2026 auch eine hohe Aufmerksamkeit gesichert. Leider wird es von der Veranstaltung weder einen Livestream, noch eine Aufzeichnung geben. „Verstummte Stimmen“ werden gezeigt, das Dokumentationszentrum nicht gebaut.
Dem Festspielhaus als architektonischem Rahmen der Musik tut das keinen Abbruch. Und welchem musikalischen Rang von Orchestern, Dirigenten, Sängern und Sängerinnen und Opernregisseuren der Ort eine „Kulisse“ bietet, steht außer Zweifel – hat doch die New York Times Bayreuth gerade in die „52 Places to Go 2026“ aufgenommen. Kaum ein Ort wird mit der Musik eines Komponisten dermaßen als Einheit gesehen wie Bayreuth. Die Festspiele 2026 finden vom 24. Juli bis zum 26. August statt.

oben: das Festspielhaus in einer Darstellung zwischen 1850 und 1905. (Quelle: Wiki commons, Library of Congress)


Richard-Wagner-Festspielhaus
Festspielhügel 1-2, 95448 Bayreuth
https://www.bayreuther-festspiele.de/programm/auffuehrungen/gedenkveranstaltung/

Pausenfanfaren bei den Bayreuther Festspielen 2024. (Foto: Enrico Nawrath, Bayreuther Festspiele)

Die Festspiel-Idee

Die MusikerInnen sitzen in einem Graben, über ihnen singt, wer Rang und Namen hat, schwierige Arien. Als Richard Wagner 1859 Baden-Baden (siehe > hier) besucht und dort die Festspiel-Idee ihren Anfang nimmt, ist im Gespräch, dass ebenda ein Festspielhaus für ihn gebaut werden könne. Wagners Ideen – um 1850 konkretisiert – rankten sich allerdings um Zürich, Weimar, München. Die Wahl fiel schließlich auf Bayreuth, das Richard Wagner als Ort gefiel, wo er mit dem dortigen Markgräflichen Opernhaus allerdings kein geeignetes „Festspielhaus“ vorfand. Also ein Neubau auf dem „Hügel“. Am 22. Mai 1872 wurde der Grundstein für den – als Provisorium gedachten – Holzbau gelegt, am 13. August 1876 begannen die ersten Bayreuther Festspiele mit dem „Rheingold“. Und wenig währt länger als ein Provisorium.

Der Zuschauersaal des Festspielhauses, 2024 (© Enrico Nawrath, Bayreuther Festspielhaus)

Das Festspielhaus

Wagner hatte unter anderem in Riga gearbeitet, dessen Theater ihn in seiner räumlichen Konstellation und Ausrichtung auf das Bühnengeschehen beeindruckt. „Erstlich das stark aufsteigende, nach Art eines Amphitheaters sich erhebende Parkett, zweitens die Dunkelheit des Zuschauerraumes und drittens das ziemlich tief liegende Orchester. Wenn er je einmal dazu käme, sich ein Theater nach seinen Wünschen zu errichten, so werde er diese drei Dinge dabei in Betracht ziehen.“ (1) Die Idee eigener Festspiele konkretisierte Richard Wagner Mitte des 19. Jahrhunderts im schweizerischen Exil. Es sind Festspiele zu seinem eigenen Ruhm, seinem eigenen Mythos, die er plant. In Ludwig II. findet er einen maßgeblichen Fan und Gönner, dessen Bauideen sich zunächst auf München bezogen; Gottfried Semper ist als Architekt für München „gesetzt“. Das Bayreuther Haus wird jedoch von Otto Brückwald (1841-1917) realisiert. Brückwald hatte in Dresden studiert, der Festspielhaus-Entwurf darf als eine Gemeinschaftarbeit von ihm und Richard Wagner gelten. (2)

Grundriss und Längsschnitt des Festspielhauses (Quelle: Inv. Nr. TBS 054,09. Paul Otto Brückwald. Reprofotografie: Tusche über Foto auf Papier 34,2 x 26,1 cm. Architekturmuseum der TU Berlin)

 

Grundriss und Schnitt zeigen die strenge Ausrichtung des Zuschauerraums auf die Bühne und den schmalen, tiefer gelegten Orchestergraben. Rückwärtig kann der Bühnenraum barrierefrei angefahren und beliefert werden. Die Sitzreihen steigen stark an und sind mit Holzklappsitzen bestückt, die wirklich sehr hart und unbequem sind. Man ist gut beraten, ein Kissen für die Rückenunterstützung mitzubringen. Zudem gibt es keine Armlehnen.
Auf den Rängen geht es ebenfalls beengt zu, aber gepolsterte Klappsitze mit schmalen Armlehnen bieten etwas mehr Komfort als jene im Parkett.
Der Grundriss von Riedel steht bei der Deutschen Digitalen Bibliothek zur Verfügung: TUM, Inv. Nr. TBS 054,06 (Deutsche Digitale Bibliothek)

Hier geht’s zu einem 3D-Rundgang >>>, der einen Eindruck von der spartanischen Ausstattung vermittelt.

Foyer und Blick zur Bühne des Bayreuther Festspielhauses, 2021 und 2024 (© Bayreuther Festspiele, Enrico Nawrath)

Funktionen und Aufführungspraxis

Im Rahmen eines Seminars zur Gestaltung von Bühnen und Aufgaben von Bühnenbildern führte uns eine Exkursion des Instituts für Zeichnen und Modellieren der Universität Stuttgart (Wolfgang Knoll und Siegfried Albrecht) 1979 nach Bayreuth. Wolfgang Wagner sprang in den Probewochen omnipräsent durch alle Räume, redete zu Allem und zu Jedem. Die Atmosphäre war wuselig, aber nicht hektisch; sie ließ einen gewissen Zeitdruck der Beteiligten spüren. Als Zeichenkurs – Kameras nutzten wir nicht – sollten wir uns still verhalten, durften in den Pausen Fragen stellen, ansonsten nahmen die Dinge ihren Lauf. Die Atmosphäre gefiel uns.

Es gab in Bayreuth legendäre Inszenierungen, um das musikalische Werk Wagners jeweils zu vergegenwärtigen – oder auch nicht. 1976 war ein turbulentes Jahr, und für das Zusammenwirken von Raum und Musik war es von besonderer Relevanz. Peter Stein sollte den Ring inszenieren. Der wollte die räumliche Situation mit einem Bühnen- und Zuschauersaal-Umbau ändern – außerdem wollte er Franz-Josef Strauß bei der Premiere wohl nicht begegnen. Er rührte also an der Substanz von Festspielhaus und Ritualen. Stattdessen wurden Patrice Chéreau als Regisseur und Pierre Boulez als musikalischer Leiter für das „Hundertjährige“ gewonnen, Bühnenbildner Rudolf Heinrich (1926-1975) und Joachim Herz überlagerten das alte Festspielhaus mit Industriearchitektur und repräsentativen Monumentalbauten. Temporäre Architektur kontrastierte die Festspielhaus-Substanz.
Zu den Festspielen gehört obligatorisch eine öffentliche Aufmerksamkeit, die auch durch ein Schaulaufen der Prominenz aus Politik, Wirtschaft und dem Showgeschäft glänzt. Die Kanzlerin in couragierter Festrobe, glitzernde Herren-Jacketts, schrille Damentoiletten – Kurioses und Konventionelles halten sich die Waage.

Zuschauerraum (2024) und Orchestergraben (2021). © Copyright: Bayreuther Festspiele, Enrico Nawrath)

Hitler in Bayreuth – Wagner und der Antisemitismus

Die antisemitischen Einstellungen Wagners sind unbestritten, „Das Judenthum in der Musik“ und andere Schriften und Aussagen lassen keinen Zweifel daran. (3)  Seit 1925 war Adolf Hitler regelmäßig Gast im Festspielhaus, das von Thomas Mann als „Hitlers Hoftheater“ bezeichnet wurde. Bereits 1923 hatte Hitler Winifred Wagner in einer Bayreuther NSDAP-Ortsgruppe kennengelernt. Winifred (1897-1980), Schwiegertochter von Richard und Cosima Wagner, geb. Liszt (1837-1930) und Ehefrau von Siegfried Wagner (1869-1930) war eine überzeugte Nationalsozialistin. Sie blieb es auch nach 1945, als das beschlagtnahmte Festspielhaus zurück an die Familie ging. Die Gesellschafter der Festspiele sind heute übrigens mit 36% der Bund, 36% der Freistaat Bayern, 15% die Gesellschaft der Freunde von Bayreuth e.V. und 13% die Stadt Bayreuth. Kürzungen in der finanziellen Kulturförderung durch den derzeitigen Kulturminister im Kanzleramt, Wolfram Weimer, betreffen Bayreuth nicht.
Die Söhne Wieland (1917-1966, Festspielleitung 1951-1966) und Wolfgang (1919-2010, Festspielleitung 1967-2008) hatten ihre liebe Not, Wagners Musik mit künstlerischem Anspruch vom tiefbraunen Habitus zu befreien. Mit Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner wird der „Familienbetrieb“ weiblich fortgeführt, die Inszenierungen bleiben jeweiliger Gegenwart verpflichtet.

Die Gegenwart

Mit der nationalsozialistischen Vergangenheit am „Braunen Hügel“ befassten sich kürzlich Sören Müller-Hansen und Olaf Przybilla in der Süddeutschen Zeitung vom 30. Juni 2026. Katharina Wagner (*1978) brachte in den letzten Jahren den frischesten Wind in die Bayreuther Szene, und es scheint, dass sie in ihrer Offenheit Themen wie Nationalsozialismus und Antisemitismus nicht fürchtet, obwohl sie recht unbequem für die Familie sein könnten. Zum Beispiel lud sie zum 150. der Festspiele Michel Friedman zu einem Vortrag ein. Zur „Ausladung“ wurde Michel Friedman am 16. Juni 2026 von Moritz Baumstieger und Alexander Gorkow befragt (SZ). Das Hin und Her kommentierten unter anderem Nils Minkmaar (SZ, 17. Juni 2026) und der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda (SZ, 22. Juni 2026). Aber nun kommt Michel Friedman doch am Eröffnungstag vormittags nach Bayreuth!

Die Position Katharina Wagners wurde in einem Gespräch mit ihr – ebenfalls in der Süddeutschen Zeitung – am 4./5. Juli 2026 deutlich, darin heißt es: „Es wäre aus meiner Sicht wichtig, der Öffentlichkeit auch all das historische Material zugänglich zu machen, das noch bei den anderen Teilen der Familie liegt. Dass das nicht ausgewertet werden kann, dass wir gar nicht wissen, was da vielleicht noch schlummert, empfinde ich als Makel.“
Katharina Wagner setzt auch auf digitale Verbreitung und scheut sich nicht, die Exklusivität des Bayreuther Events aufzubrechen.

Am 23. Juli 2026 widmete die Süddeutsche Zeitung dann der Geschichte und Gegenwart der Festspiele mehrere Seiten, unter anderem informierten und kommentierten Helmut Mauró, Max Weinhold Hernandez (aus Kostengründen wird kein dringend notweniges Informationszentrum gebaut, die Festspiele informieren „online“), Olaf Przybilla (Blamage, weit über Bayreuth hinaus) und Egbert Tholl. Reinhard J. Brembeck thematisierte, dass die KI Einzug in Bayreuth hält, konkret: mit einer Bebilderung.

Die Musik Richard Wagners trifft auf Freunde und Gegner, der Einfluss Wagners reicht gewiss hörbar bis in die Musik nach dem Zweiten Weltkrieg. Die gesamte Zweite Wiener Schule, Debussy usw. wären ohne Wagner nicht möglich gewesen, sogar Olivier Messiaen huldigt ihm in seiner Referenz an Tristan und Isolde in der „Turangalîla-Symphonie“. So bleiben der Intendanz der Festspiele gute Aussichten, die Werke Richard Wagners mit Interpretationen und Inszenierungen immer wieder zu vergegenwärtigen.

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(1) https://www.bayreuther-festspiele.de/festspiele/historie/
(2) Thomas Strobel: Otto Brückwald. Ein vergessener Künstler und Architekt. E. Reinhold Verlag, München 2017
(3) Rudolf Wellingsbach;: Wagner und der Antisemitismus. In: Laurenz Lütteken: Wagner-Handbuch. Stuttgart 2021

Literatur
Stephan Mörsch: Bayreuth als Theater. Stuttgart 2026
Ursula Baus

Herausgeberin Dr. Ursula Baus studierte zunächst Kunstgeschichte und Philosophie in Saarbrücken, dann Architektur in Stuttgart und Paris. War Redakteurin einer Fachzeitschrift für Architektur, gründete mit gleichgesonnenen Kolleg(inn)en 2004 die Partnerschaftsgesellschaft frei04 publizistik. Ist beziehungsweise war diversen Gremien, Stiftungen (Bundesstiftung Baukultur, stellv. Beiratsvorsitzende; Schelling Architekturstiftung, Vorstand), Kuratorien (IBA Basel) tätig. Als Lehrbeauftragte für Architekturtheorie und -kritik auch immer auf der Suche nach jungen Talenten. Ist vor allem an Grenzbereichen interessiert: Architektur, Stadt, Ökonomie, Politik – und Musik.