Freinsheim ist eine Bilderbuch-Stadt wie Rothenburg ob der Tauber oder Heidelberg, aber ohne Heerscharen von Touristen. Mit knapp 5000 Einwohnern zählt der Ort eher zu den kleineren Städten in Rheinland-Pfalz. Auf den ersten Blick würde man hier Kulturveranstaltungen von Weltrang kaum erwarten. Aber weit gefehlt. Seit über zwanzig Jahren kümmert sich der kleine, gemeinnützige Verein »Von-Buschhof-Hof Konzertant e.V.« darum, erstklassige MusikerInnen in die Region zu locken. Jedes Jahr veranstaltet der Verein rund ein Dutzend Konzerte, die den Vergleich mit großen Musik-Metropolen wie München, Frankfurt und Berlin nicht zu scheuen brauchen. In der Saison 2026/27 stehen zum Beispiel der Pianist Joseph Moog, das Pascal Trio und der Pianist Justus Friedrich Eichhorn auf dem Programm.


Von-Busch-Hof 5, 67251 Freinsheim
Von-Busch-Hof Konzertant e.V.
Telefon: 06353 989670
kontakt@von-busch-hof-konzertant.de

Freinsheim ist ein entzückendes, kleines Städtchen in der Pfälzer Rheinebene, mit einem völlig intakten, gut restaurierten Ortskern, »eingefriedet« von einer fast vollständig erhaltenen, spätgotischen Stadtmauer mit Türmen und Toren. Ein Spaziergang durch die Stadt und entlang der Stadtmauer rundherum lässt romantische Herzen höherschlagen, zumal Freinsheim nicht so überlaufen ist wie zum Beispiel Rothenburg, wo man auf Schritt und Tritt »Europe-in-a-week«-Touristen begegnet.

10. Oktober 2026  Freinsheim, Von-Busch-Hof (Foto: Wilfried Dechau)

Der »Von-Busch-Hof« im Herzen Freinsheims gehörte ursprünglich zum Kloster Enkenbach. Im Zuge der Reformation wurde der klösterliche Betrieb aufgelöst. Im 18. Jahrhunderts gelangte der Hof in den Besitz der kurpfälzischen Beamtenfamilie von Busch. Mitte des 19. Jahrhunderts kaufte der damalige Freinsheimer Bürgermeister den Hof. Dessen Urenkel stiftete das Anwesen Mitte des 20. Jahrhunderts der Stadt Freinsheim mit der Auflage es zu sanieren. Seither ist dort ein kulturelles Zentrum etabliert worden, das seinesgleichen sucht. Die ehemalige Zehntscheune dient als Bürger- und Veranstaltungssaal – dort finden seit gut zwanzig Jahren regelmäßig die vom Verein »Von-Busch-Hof Konzertant« organisierten Konzerte statt. Im Innenhof, gleich neben der Zehntscheune, ist in das ehemalige Wohnhaus ein Restaurant eingezogen und rechts daneben ein Hotel.

10. Oktober 2026:  Von-Busch-Hof, am Abend, kurz vor dem Beginn des Konzertes (Foto: Wilfried Dechau)

Bei Konzert-Bestuhlung hat die ehemalige Zehntscheune – im Parterre und auf einer Empore – Platz für etwa 300 Zuhörer. Die Akustik ist ausgezeichnet, obwohl die verputzte, gestrichene Bühnenrückwand doch recht hart und glatt ist. Das gilt nicht nur für ein Programm wie das am 10. Oktober 2026 aufgeführte (mit Streichsextett und Sopranstimme). Den gleichen, sehr positiven Eindruck von der klaren Akustik hatte man zum Beispiel auch, als Martin Helmchen hier die Sechs Partiten aus Bachs Klavierübung Teil I (13. November 2021) oder Joseph Moog Werke von Beethoven (6. Dezember 2020) spielten. Unvergessen das Konzert mit Konstantin Krimmel (24. Mai 2024), dem Bariton-Shooting-Star, der, begleitet von Marcelo Amaral am Klavier, Lieder von Beethoven, Schumann und Brahms gesungen hat. Auch für Kammermusik eignet sich der Saal vorzüglich. Zu hören war hier zum Beispiel das Notos Quartett (9. Oktober 2022) mit Stücken von Brahms und Schubert.

10. Oktober 2026:  Von-Busch-Hof, Konzertpause (Foto: Wilfried Dechau)

Gemessen an der Kapazität des Bürger- und Veranstaltungssaals ist der Eingangs- und Foyerbereich recht klein. Bis in den Spätherbst hinein kann man sich vor dem Konzert und in der Pause ganz wunderbar im Innenhof ergehen (aber besser nicht mit High Heels, denn der Hof ist mit grobem Kopfstein gepflastert) und an kleinen Stehtischen einen sehr guten Wein lokaler Herkunft trinken. In der kälteren Jahreszeit ist die Platznot im Foyer prekär. Da geht man mit seinem Gläschen Wein lieber wieder an seinen Sitzplatz zurück. Das ist ein bisschen schade, denn mit anderen Gästen in der Pause ein wenig über das Gehörte zu plaudern, gehört zum Konzertgenuss einfach dazu.

10. Oktober 2026:  Im Saal wird noch geprobt. Hanna-Elisabeth Müller, Sopran, bei der Probe des Stücks »Maiblumen blühten überall« von Alexander Zemlinsky (Foto: Wilfried Dechau)

 

10. Oktober 2026:  Von-Busch-Hof, Wesendonck-Lieder von Richard Wagner, Kammerensemble der Bayerischen Staatsoper mit Christoph Traxler, Klavier und Hanna-Elisabeth Müller, Sopran (Foto: Wilfried Dechau)

Das Programm am 10. Oktober 2026 mit Liedern für Sopran und Streichsexett von Alexander von Zemlinsky und Richard Wagner sowie Arnold Schönbergs zauberhaftem Streichsextett »Verklärte Nacht« hatte mich – mal wieder – nach Freinsheim gelockt: Lange vor Konzertbeginn durfte ich noch bei den Proben dabeisein.

Kammerensemble der Bayerischen Staatsoper bei der Probe: Matjaz Bogataj, Violine, Hanna Asieieva, Violine, Clemens Gordon, Viola, Johanna Maurer, Viola, Yves Savary, Cello, Benedikt Don Strohmeier, Cello (Foto: Wilfried Dechau)

 

10. Oktober 2026:  Von Busch Hof, »Verklärte Nacht« von Arnold Schönberg, Kammerensemble der Bayerischen Staatsoper (Foto: Wilfried Dechau)

Die »Verklärte Nacht« habe ich erstmals am 31. Mai 2024 beim Hambacher Musikfest in der Kirche St. Jakobus gehört – und gleich in einer Version, die mir unüberbietbar schien. Der leider viel zu früh verstorbene Musikkritiker Markus Pacher schrieb damals in der Rheinpfalz:
»Die ›Verklärte Nacht‹ von Arnold Schönberg ist eines der besten Kammermusikwerke der abendländischen Musikgeschichte, ein Streichsextett, das eigentlich eine sinfonische Dichtung ist. Andreas Willwohl an der Bratsche und Cellist Bernhard Schmidt ergänzen das Quatuor Zaide und lassen sich von den Damen hineinreißen in den Strudel der Gefühle. (…) Nie zuvor und danach hat Schönberg etwas so Leidenschaftliches komponiert, und niemals haben wir dieses opulente Klanggemälde so kompromisslos emotionsgeladen gehört. Unsere sechs Streicher zaubern zarteste Klanggebilde, präsentieren die ganze Bandbreite zweier am Wendepunkt ihres Lebens stehenden Liebenden. …«
Bleibt für Freinsheim zu ergänzen: Die Latte hing verflixt hoch, aber sie wurde vom Kammerensemble nicht gerissen.

Hanna-Elisabeth Müller, Sopran, bei der Probe mit dem Kammerensemble der Bayerischen Staatsoper (Foto: Wilfried Dechau)

Die Sopranistin Hanna-Elisabeth Müller war nicht zum ersten Mal in Freinsheim. Am 23. Oktober 2016, am 20. Mai 2023 und am 3. Mai 2025 sang sie hier, am 3. Juni 2018 vor ausverkauftem Haus. Über ihren jüngsten Auftritt in Freinsheim schrieb Stefan Pohlit: »Alexander von Zemlinskys ›Maiblumen blühten überall‹ – auf ein Gedicht von Richard Dehmel wahrscheinlich 1899 komponiert – beschwört mit seinen durchlichteten Harmonien und rankenden Texturen ganz den Zeitgeist des Fin de Siècle. Die Sopranistin Hanna-Elisabeth Müller gehört zu den bekanntesten Interpretinnen dieses Repertoires, das schon durch seine glühende Harmonik wie ein heißes Eisen wirkt und eben deswegen viel Beherrschung erfordert. Gleichsam schwerelos trat sie – wie auch das Ensemble die Dämpfer aufsetzte – in das sie umgebende dolcissimo. Mit der Leichtigkeit eines Spaziergangs, gleich einer Gärtnerin, die umsichtig über ihre Saat wacht, führte sie die erste gemeinsame Steigerung zu funkensprühender Intensität, so dass sich die Struktur völlig organisch verdichten konnte.«
Am Schluss des Konzertes sang sie als Zugabe noch das wunderbare Lied »Morgen« von Richard Strauss, unglaublich schön von Jessye Norman gesungen, ebenso auch von Jessey Hanna-Elisabeth Norman – seit diesem denkwürdigen Konzert in Freinsheim.


Wilfried Dechau

Lübecker. Studierte Architektur an der TU Braunschweig, war bis 2004 Chefredakteur der db. Initiierte 1994 den Europäischen Architekturfotografie-Preis, ist seit 1999 Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Photographie. Hatte bis 2014 die Fotogalerie f75. Verfasste rund ein Dutzend Bücher zu Architektur und Fotografie; zahlreiche Ausstellungen und Preise. Schwerpunkte seiner Fotografie sind Architektur und Porträt. Lebt in Neustadt an der Weinstraße.