Der Pfalzbau wurde 1964 bis 1968 von den Ludwigshafener Architekten Koch, Steinhauer und Troitzsch als multifunktionales Veranstaltungshaus gebaut, es kann als Theater genutzt werden, ebenso für Konzerte und Kongresse. Der Pfalzbau verfügt nicht über ein eigenes Ensemble. Das Theater im Pfalzbau realisiert dort Koproduktionen mit nationalen und internationalen Partnern.
Die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz nutzt den Pfalzbau regelmäßig für Konzerte. Dafür lohnt auch ein weiterer Weg, denn unter der Leitung des exzellenten Dirigenten Michael Francis hat sich die Staatsphilharmonie zu einem der führenden Orchester der Republik entwickelt.


Pfalzbau
Berliner Straße 30, 67059 Ludwigshafen
Telefon: 0621 5042558
Pfalzbau Ludwigshafen
Theater im Pfalzbau
Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz

Pfalzbau mit Pfalzsäule (Foto: Ursula Baus)

11. September 2026  Anfahrt mit S-Bahn und Straßenbahn. Haltestelle »Pfalzbau/Wilhelm-Hack-Museum«. Die »Pfalzsäule« ist das Erste, was ins Auge fällt – der Obelisk aus Granit mitten auf dem Theaterplatz wurde von Blasius Spreng und Ernst W. Kunz gestaltet.

Pfalzbau, Eingang mit »Gläsernem Foyer« im Obergeschoss. Mit im Bild: die Ludwigskirche. (Foto: Wilfried Dechau)

Foyers mit Stadtblick

In der gläsernen Fassade des Pfalzbaus spiegelt sich die nahegelegene Ludwigskirche. Der Eingangsbereich und die Treppen zum oberen Foyer sind großzügig. Oben wird man empfangen von einem hellen, hohen Raum, der auf der Nordost-Seite vollflächig verglast ist und damit den Blick freigibt auf die umgebende Bebauung. Die Nordwest-Wand ist geprägt von einem Mosaik aus Naturstein- und teils gold glitzernden Keramik-Elementen. Der Entwurf dazu stammt von Ernst W. Kunz, Ludwigshafen.

Pfalzbau, Oberes Foyer (Foto: Wilfried Dechau)

In diesem locker mit Sesselgruppen und Stehtischen möblierten Foyer kann man – bei einem Glas Wein – genüsslich »vorglühen« und sich auf das »Sinfoniekonzert mit einem Wahnsinnsprogramm« freuen. So jedenfalls hat es Michael Gassmann, Intendant der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, in seiner Mail beschrieben. Und er hat ja Recht: So ein visionäres, flottes, rauschhaftes Programm mit Stücken von Charles Ives, Prokofjew, Strawinsky und Skrjabin bekommt man nicht alle Tage geboten. Das ist schon ein »Ritt über den Bodensee«! Für den Dirigenten Michael Francis und für das Orchester eine souverän zu meisternde Leistung – und natürlich ist auch das Publikum gefordert. So muss es sein.

Pfalzbau, Oberes Foyer (Foto: Wilfried Dechau)

Saalbau

Die Vorfreude bekommt beim Betreten des Konzertsaals einen leisen Dämpfer. Dieser Saal hätte es eher verdient, »Saalbau« genannt zu werden. Der so genannte »Saalbau« in Neustadt an der Weinstraße – wo das Orchester auch »zuhause« ist, kann zum Beispiel für Konzerte durch Hubtechnik tatsächlich in einen nach hinten ansteigenden, für den Musikgenuss viel angenehmeren Raum verwandelt werden. Der Konzertsaal im Pfalzbau hingegen ist platt und bleibt platt.

11. September 2026, Pfalzbau, Konzertsaal vor dem Konzert (Foto: Wilfried Dechau)

Die Bühne ist leicht erhöht und weitgehend ebenfalls platt. Für die hinteren Reihen des Orchesters ist eine zusätzliche Ebene aufgebaut worden. Trotzdem sieht man beim Konzert vor allem die erste Reihe der Musiker. Das passt ganz und gar nicht zu meiner Vorliebe, den Blick, dem Ohr folgend, von Musiker zu Musiker schweifen zu lassen. Das gelingt im Konzertsaal des Pfalzbaus nur begrenzt.
Im virtuellen Rundgang sind die letzten fünf Sitzreihen tatsächlich leicht ansteigend dargestellt. Doch offenbar ist der Aufbau zu aufwändig. Für das »Konzert mit dem Wahnsinnsprogramm« am 11. September 2026 jedenfalls war von vorn bis hinten alles platt.

11. September 2026, Pfalzbau, vor dem Konzert (Foto: Wilfried Dechau)

Die Seitenwände sind holzvertäfelt. Mit etwas fahl anmutenden, furnierten Paneelen. Dadurch wirkt der Konzertraum eher glatt und nüchtern. Aber die geschwungene, lebendige Lichtdecke reißt alles raus. Die tatsächlich gute Akustik dürfte größtenteils der Lichtdecke mit ihrer starken Reliefierung  zuzuschreiben sein. Schaut man dann genauer hin, wird man gewahr, dass an vielen Stellen die Leuchtmittel ausgewechselt werden sollten. Dass das gescheut wird, weil es aufwändig ist, kann man nachvollziehen.
Die Funktion des regelmäßig gefalteten Vorhangs hinter dem Orchester habe ich allerdings nicht verstanden. Wirkt so etwas Textiles im Hintergrund nicht eher wie eine Schalldämpfung? Ist das erwünscht? Ist das wünschenswert? Das hätte ich Michael Francis fragen sollen, als ich ihn nach dem Konzert in der Künstlergarderobe besuchte und fotografierte.

11. September 2026, Pfalzbau, Petruschka, Igor Strawinsky, Dirigent: Michael Francis (Foto: Wilfried Dechau)

Auftakt-Konzert

Michael Gassmann, der Intendant der Staatsphilharmonie, hatte wirklich nicht zuviel versprochen. Das Auftakt-Konzert mit verschiedenen, in etwa der gleichen Zeit um 1908 komponierten Werken war tatsächlich »Ein Sinfoniekonzert mit einem Wahnsinnsprogramm«.
Es begann mit dem nur sechs Minuten kurzen, aber hinreißenden Stück von Charles Ives: »The Unanswered Question«. Er hat es 1906 komponiert und 1930-35 überarbeitet. Gespielt wurde die jüngere Fassung – mit dem Solotrompeter Anton Keller draußen im Foyer.

11. September 2026, Pfalzbau, The Unanswered Question, Charles Ives, Solotrompeter Anton Keller im Foyer (Foto: Wilfried Dechau)

Die »immer gleiche Frage nach dem Sinn der Existenz« stellt die Solotrompete immer wieder gleich. Das Holzbläserquartett – im Hintergrund des Orchesters – steht für »die Jagd nach der unsichtbaren Antwort«, und die Streicher stehen für die »Schweigsamkeit der Druiden, die nichts wissen, sehen und hören«, so beschrieb es Charles Ives im Vorwort zu der von ihm revidierten Fassung von 1935.
Dirigiert wurde dieses Stück zu zweit. Michael Francis dirigierte im Hintergrund die Holzbläser, der Akademist Paul Breyer stand auf dem Dirigentenpult. Die Dramatik des Frage- und Antwortspiels wurde dadurch auf die Spitze getrieben, dass der Solotrompeter Anton Keller »vor die Tür geschickt wurde«. Seine Solo-Einlagen kamen für das Publikum von hinten – durch die Saaltür. Eine sehr feine dramaturgische Idee. Ob die bereits von Charles Ives vorgeschlagen wurde? Auch das hätte ich Michael Francis fragen sollen.
Weil es mich so fasziniert hat, habe ich das Stück bei Youtube im Nachhinein  noch mehrfach nachgehört. Ich war ein wenig erstaunt, dass es das Stück in sehr unterschiedlichen Längen gibt. Die kürzeste Version empfehle ich – nicht der Kürze wegen – zum Anhören. Und zwar deshalb, weil man das Stück auf der Partitur mitverfolgen kann. Das gelang sogar mir, der ich kaum Noten lesen kann. Aber mit der Partitur konnte ich die Dramaturgie mit großem Vergnügen gleichsam bildhaft verfolgen.

Es folgte Strawinskys »Petruschka«. Nicht als Ballettmusik, sondern als »Burleske in vier Szenen« in der Originalversion von 1910/1911. Nichts gegen Strawinsky, aber gerahmt von Charles Ives und Prokofjew wirkte die Burleske eher konventionell.

Joseph Moog, Klavier. Nach dem bravourös gemeisterten Konzert. (Foto: Wilfried Dechau)

Gleich nach der Pause dann der »kaum viertelstündige Vulkanausbruch voller jungendlicher Energie.« Sergei Prokofjews 1. Klavierkonzert »fasziniert durch sein triumphales Eröffnungsthema und durch pure Lust am musikalischen Risiko.« – so der passende Kommentar des Intendanten. Übrigens hat Prokofjew dieses Werk 1912 in Moskau – selbst am Flügel sitzend – uraufgeführt. Der Komponist war selbst ein brillanter Pianist, das macht es nicht leicht für den Interpreten. Doch Joseph Moog meisterte das rasante Konzert mit Bravour. Prokofjews Zeitgenossen hatten das Konzert wegen komplizierter Rhythmik extremer Oktav- und Akkordtechniken spöttisch als zu sportlich, als »Fußballkonzert« abgetan.

Das Beste zum Schluß

Über das letzte Stück, Skrjabins 1908 in New York uraufgeführtes Werk »Le poème de l’extase op. 54« schrieb Henry Miller in seinem autobiographischen Roman »Nexus«:  »Es war wie ein Bad aus Eis, Kokain und Regenbögen. Wochenlang war ich im Trance.«

11. September 2026, Michael Francis, nach dem fulminanten Konzert in der Künstlergarderobe (Foto: Wilfried Dechau)

Ich habe nicht nachgezählt, ob die Besetzung des Orchesters in Ludwigshafen Skrjabins Vorstellungen entsprach. Die Besetzungsliste ist lang und gewaltig: Drei Flöten, fünf Trompeten, drei Posaunen, Tuba, Schlagzeug, Pauken, Bassdrum, Becken, Triangel, Glockenspiel, Glocken, Tam-Tam, Celesta, Orgel (oder Harmonium), zwei Harfen, erste Violinen, zweite Violinen, Bratschen, Celli, Kontrabässe. All das hielt Michael Francis zusammen als sei es das Leichteste von der Welt. Seine Bewegungen sind immer weich, sanft und elegant, nie hektisch oder herrisch. Und sein Orchester folgt ihm. Es spielt unter seiner Leitung als sei es ein einziger Organismus. So kann man es hinbekommen, sein Publikum in ein Bad aus Eis, Kokain und Regenbögen zu zaubern. Chapeau!


Kongreß- und Veranstaltungshaus Pfalzbau, Ludwigshafen
Architekten:
Alfred Koch, Edwin Steinhauer und Gerhard Troitzsch, Ludwigshafen
Baujahr: 1968, 2007 grundlegend modernisiert und technisch auf den neuesten Stand gebracht
Kunst am Bau: Ernst W. Kunz, Ludwigshafen
Kunst im öffentlichen Raum:
21 Meter hohe »Pfalzsäule« (Blasius Spreng, München zusammen mit Ernst W. Kunz, Ludwigshafen)

Wilfried Dechau

Lübecker. Studierte Architektur an der TU Braunschweig, war bis 2004 Chefredakteur der db. Initiierte 1994 den Europäischen Architekturfotografie-Preis, ist seit 1999 Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Photographie. Hatte bis 2014 die Fotogalerie f75. Verfasste rund ein Dutzend Bücher zu Architektur und Fotografie; zahlreiche Ausstellungen und Preise. Schwerpunkte seiner Fotografie sind Architektur und Porträt. Lebt in Neustadt an der Weinstraße.