Die kirchlichen Pressedienste vermelden Zahlen, die die Dimension der gesamtgesellschaftlichen Aufgabe verdeutlichen: Hierzulande gibt es knapp 50.000 katholische und evangelische Kirchen, von denen etwa 37.400 unter Denkmalschutz stehen. Die immobilienwirtschaftliche Lage der Kirchen ist in der Regel recht gut, zentral und bekannt. Doch die Zahl der Kirchenaustritte steigt und steigt, was tun mit den Kirchen? Kulturell nutzen, profanieren, abreißen? Ein Beispiel aus Speyer zeigt eine technisch komplexe Relation zwischen Raum und Musik.
Schon vier jahrzehntelang ist der Gitarrist und Sänger Oli Dums mit unterschiedlichen Bands auf den Musikbühnen unterwegs. Und seit fast zehn Jahren inszeniert er mit „Church in Colors“ ein ungewöhnliches Spektakel in Kirchen. Gerade ging wieder eine Tournee zu Ende. „Die Welt kommt in die Kirche – so wie die Kirche in die Welt geht“, begrüßte der Pfarrer das Publikum, das sich Ende März in der Speyerer Gedächtniskirche zum farbenprächtigen Konzert „Church in Colors“ eingefunden hatte. Den Ort sollte man sich merken, hier predigten auch schon Gregor Gysi und die Kabarettistin Kättl Feierdaach, außerdem wird zu Weinproben eingeladen. (Unser alter – katholischer – Pfarrer hätte darin klar den Tatbestand der Gotteslästerung erkannt.) Nun also an vier ausverkauften Abenden Rock samt einer gewaltigen Lightshow. Damit endete die Tournee, mit der die Band um ihren Frontman Oli Dums in 38 Konzerten 20.000 Besucher erreicht hat.

Die Gedächtniskirche in Speyer in ungewohnter Lichtinszenierung, die Light- und Soundshow verändert die Atmosphäre des Raums fast radikal. (Foto: Wolfgang Bachmann)
Licht und Laut im „Event“
Der Aufwand war riesig, es galt kilometerlang Kabel in dem neugotischen Kirchenraum zu verlegen, im Schiff und auf den breiten, niedrig ansetzenden Emporen Lautsprecherboxen und alle Arten von beweglichen Scheinwerfern, Lichtkanonen und LED-Projektoren zu installieren. Selbst um die Kapitelle der 20 Meter hohen Pfeiler wurden Lampenringe montiert. Jeder Platz würde ein anderes Erlebnis bieten: Wollte man viel sehen oder möglichst gut hören? Das führte zunächst zu einem profanen Gewusel auf den Galerien und Wendeltreppen. Denn für solche Events war die zwischen 1893 und 1904 von Julius Flügge und Carl Nordtmann als Konkurrenz zum romanischen Dom „in doktrinärer Neugotik“ errichtete „Gedächtniskirche der Protestation“ nicht vorgesehen. Die schlank in die Höhe strebende Architektur zeigt schmucklos den grauen Sandstein aus den Vogesen. Er eignete sich hervorragend für diese Inszenierung. Mal war es ein Lichtgewitter, das sich über die Struktur des Tragwerks leckte, mal suchten sich helle Linsen über die Kreuzrippen, wurden in den Kuppeln und Tonnen verformt oder als wanderndes Gestrüpp über die Gänge geschickt. Dann tauchte das Licht die kantonierten Pfeiler oder die Gewölbekappen in kaltes Blau, giftiges Grün und laszives Rot. Die Farbe präparierte den Raum, egalisierte ihn als Fläche oder sezierte Elemente, als wollte sie die Hierarchie der bewährten Lastabtragung in Frage stellen. Aber kaum träumte man einen Augenblick, da folgten die Flakscheinwerfer dem einsetzenden Hämmern der Musik und spien ihr Feuer in die Kirchenhalle. Zum Mitmachen lagen für die Besucher LED-Armbänder parat, mit denen sich die Wechsel in der Lichtregie begleiten ließen.

Licht und Klang verändern den Raum, in dem Bewegung mit der Architektur kontrastiert. (Foto: Wolfgang Bachmann)
Mitmachen
„Church in Colors“ hieß zwar das Programm, aber der Sound war ebenso wichtig. Oli Dums – ein Pfälzer Bub aus dem Schuhdorf Hauenstein – hat eine wunderbare Stimme. Er erreicht sogar das Falsett von John Miles („Music“), aber alle warteten natürlich darauf, dass in dieser lyrischen Ballade die harten Riffs der E-Gitarren einsetzen. Nicht jeder Titel war ein Ohrwurm, dafür überraschte die Band zum Beispiel mit Americas Folk-Rock „Horse with no name“. Insgesamt war es mir ein bisschen viel Potpourri. Es sollte wohl für jeden was dabei sein. Und das Publikum war begeistert. Dums übernahm auch die Rolle des Conférenciers, forderte zum Mitsingen und Klatschen auf („erst die Protestanten – jetzt die Katholiken“). Wann sieht man schon einmal Kirchenbesucher tanzen? Dennoch entstand nie das Gefühl, das Gotteshaus würde zweckentfremdet oder missbraucht. Heißt es nicht bei Matthäus „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“? Es konnte doch jeder für sich entscheiden, in wessen Namen er gekommen war.
Die Webseite der Band zeigt noch andere Kirchen, die von ihr bereits einmal in Farbe und Licht getaucht worden waren. Ich würde es gerne einmal in Le Corbusiers Meisterwerk, der Kirche Notre-Dame-du-Haut in Ronchamp erleben.



