In Speyer gibt es nicht nur den Dom. Man kann sich die sakralen Orte und ihre Angebote aussuchen. In der Gedächtniskirche hörten wir schon Kabarettisten, sogar Gregor Gysi predigen – der kann das! Zuletzt gab es dort ein Rockkonzert mit Lightshow.1) Dieses Mal besuchten wir die gerade sanierte Dreifaltigkeitskirche.
(Bild: Dreifaltigkeitskirche in Speyer, Wikifree)
Ein leidenschaftlicher Kirchenbesucher bin ich nicht, ich praktiziere mehr ein solidarisches Interesse. Katholische Messe, evangelischer Gottesdienst: passt schon. Ich war auch bei rituellen Handlungen in einer Synagoge und einer Moschee. Mit dem Spirituellen bin ich dennoch vorsichtig, aber gute Kirchenmusik und eine engagierte Predigt können dem Sonntag eine Fasson geben. Und selbstverständlich gehört dazu ein passabler Raum, den man erleben und gerne erinnern mag!
An Pfingsten 2026 war unser Ziel die Dreifaltigkeitskirche, ein barockes Meisterwerk in nahezu unverändertem lutherischen Hochbarock des kurpfälzischen Baumeisters Johann Peter Graber von 1701/03. Unter einem flachen hölzernen Kreuzrippengewölbe (Kammermusik klingt hier großartig) begleitet eine Doppelempore hakenförmig das Kirchenschiff. Für den Sonntag waren eine Vikarin2) und ein Kirchenmusikdirektor3) angekündigt. Könnte vielleicht gar nicht schlecht werden, wir erwarteten die Kantate zu Pfingsten oder etwas aus diesem Genre. Als wir vor dem Altar junge Leute und eine Gitarre entdeckten, wollten wir schon wieder gehen, es sah so nach Pfadfinder-Geklampfe mit Gospelsongs aus. Aber um ins Pontifikalamt im nahen Dom zu auszuweichen, war es zu spät. Gut, eine hintere Bankreihe am Rand, dann würde man weitersehen.
Vor dem Retabel mit dem Abendmahlgemälde von Johann Bessemer (1705), über der die zurzeit stillgelegte Orgel zu schweben scheint, nimmt ein Dutzend junger Chorsängerinnen Aufstellung, vor ihnen ein Keyboard, seitlich eine Combo mit E-Gitarre, Bass und Schlagzeug. Dann die ersten Akkorde. Kennen wir doch, das klingt wie…, das ist… NEIN! April von Deep Purple. Ein Ohrwurm von 1969. Wer hat dazu noch nicht gekifft, welche Erinnerungen hängen daran! Ein großartiges Intro für einen Gottesdienst, eine Wiederentdeckung.
Anschließend begrüßt die junge Vikarin. Meine Frau stupst mich an und grinst: Gefällt sie dir? In dieser Kategorie habe ich das Kirchenpersonal bisher noch nicht taxiert. Aber ja: Sie gefällt mir. Sie schreitet in ihrem schwarzen Talar gutgelaunt und selbstsicher durch den Mittelgang, umarmt in den Bänken mehrere Kirchenbesucher. Ich sehe fragend zu meiner Frau und versuche alle profanen Anfechtungen zu ignorieren.
Es geht weiter mit der Liturgie. Eine Sängerin und ein Sänger übernehmen die Stimmführung bei Oh, Happy Day. Die Mädchen vom Chor beginnen vor dem Altar mit moderaten Bewegungen – und tanzen schließlich. Ich stelle mir vor, was meine Mutter dazu gesagt hätte! Nun, ja, die Protestanten halt… Auch das Publikum – die Gemeinde – hält jetzt nicht mehr still. Vor mir schwingt eine große Blonde mit gürtellangen Haaren ungeniert ihre Hüften, eine Bank weiter schüttelt eine sehr alte Dame ihre ergraute Dauerwelle zur Musik, man spürt einen Hauch von Woodstock in den Bankreihen – Männer sind da etwas verklemmter. Auch die Schriftlesung mit dem Pfingstereignis ist von Musik unterlegt, sie beginnt atonal, als „plötzlich vom Himmel her ein Brausen“ daherkommt und die versammelte Menge erschrickt, findet schließlich – nachdem der Heilige Geist alle erfüllt hat – zur Harmonie, um das Wunder der Sprachverständigung melodisch zu übersetzen. Selbst die ausgewählten Gemeindelieder bekommen mit der poppigen Instrumentalbegleitung eine – sagen wir – unterhaltsame Kraft.4)
Dann steigt die Vikarin auf die Kanzel gegenüber den langen Emporen. Sie spricht akzentfrei („unne hocke mir Pälzer“), gewinnend, man mag sie sehen und hören, die Gemeinde lauscht. Sie ventiliert, ob sich das Pfingstwunder vielleicht gar nicht so ereignet hat, das Narrativ uns vielmehr die Zuversicht geben soll, dass sich der Geist noch über uns ausgießen und die erretten wird, die den Namen des Herrn anrufen. Auch Luthers Liedgut Eine feste Burg ist unser Gott erhält in ihrer Predigt eine notwendige Interpretation, denn es bedeute nicht, dass die Kirche eine Festung ist, sie sei vielmehr offen und biete sich der Gesellschaft helfend an für Solidarität, Gerechtigkeit und Frieden. Es gibt viel zu tun auf dieser Welt.
Inzwischen bricht die Sonne in den Kirchenraum, die vergoldeten Applikationen glänzen pfingstfeierlich. Der Mädchenchor und die Band schließen mit den Beatles, All you need is love. Alles passt, es wirkt nicht aufgesetzt, als wollte man damit noch ein paar arme Seelen in den Gottesdienst locken. Die Vikarin verabschiedet die Besucher vor der Kirchentür. Ich sage (nicht ganz ernst), ich sei katholisch, aber ich könnte mir gut vorstellen zu konvertieren. Sie lacht und ermuntert mich: Nur zu! Eigentlich wollte ich noch fragen, ob sie mich dann auch zur Begrüßung im Gottesdienst umarmen wird. Aber das wäre wohl übergriffig gewesen, und ich wurde rechtzeitig in die Seite geknufft.



