An Hamburgs Harvesterhuder Weg reihen sich prachtvolle, weiße Villen mit Gärten zur Außenalster hin aneinander, die zum bezwingenden Reiz der stadträumlichen Situation dazugehören. Viele der Villen sind von Martin Haller (1835-1925) gebaut worden, dem Hamburg sein Rathaus zu danken hat – auch das Budge Palais, in dem ursprünglich die jüdische Familie Henry und Emma Budge wohnte und das von den Nationalsozialisten beschlagnahmt worden ist. Seit 1956 ist das Palais die Adresse der Hamburger Hochschule für Musik und Theater, die mit zusätzlichen Gebäuden aus den 1970er Jahren dort präsent ist – und 2021 eine neue „JazzHall“ bekam.

Erstveröffentlichung: Jahrbuch Architektur Hamburg, 2022

JazzHall der HfMT Hamburg
Harvestehuder Weg 12. Eingang Milchstraße 12, 20148 Hamburg
https://jazzhall.hfmt-hamburg.de/

Es ist per se ein Mirakel, dass direkt neben dem Budge Palais im Grünstreifen gegenüber der Südkante des Alsterparks ein Baurecht erwirkt werden konnte. Aber wo schon eine Tiefgarage Platz gefunden hatte, ließ sich dann auch ein Aufführungsraum unterbringen, der sich unter einer Korbbogenkonstruktion wegduckt – so gut es geht. Stünde nicht dran, was der tiefliegende Bereich birgt, könnte man auch an einen privaten Badebereich denken.

Gartenseite der tief gelegten JazzHall unter geschwungener Überdeckung (Bild: Ursula Baus)

Von Norden kommend, sieht man den tiefgelegten Aufführungsraum als begrünte Geländewelle, von Süden aus scheint sich mit einer grauen Hülle eine Art U-Boot in Richtung Alster zu schieben. Diese wenig geglückte Situation ist dem Brandschutz geschuldet, der in einer Rasenauflage an dieser Seite eine Brandlast erkannte und damit der durchgehenden Rasenwelle den Garaus machte. Einen ausgeschilderten Hinweis auf einen Zugang zur Musikhochschule beziehungsweise zur Jazz Hall gibt es nicht, weil auch hier der Denkmalschutz sein Veto einlegte: Die Martin-Haller-Villa wird in ihrer Wahrnehmbarkeit priorisiert. Dass nun »Prof. Dr. Langner Jazz Hall« als einziger und von Ferne sichtbarer Name hervorsticht, führt leider in die Irre. Der Mäzen mit Faible für Jazz möchte mit der Jazz Hall exzellente Lehrkräfte anlocken, aber im Lehrangebot der Hochschule ist Jazz durchaus nicht dominant; vielmehr listet die Website 70 Studiengänge in »den Bereichen der solistischen Instrumentalausbildung, der Orchester-, Kammer-, Kirchenmusik und Jazz sowie auch in Komposition, Musiktheorie und Multimedia« auf. Für viele von ihnen ist der neue Aufführungsraum leider zu hart – weil er eben nicht als Konzertsaal, sondern als laut bespielbarer »Jazz-Keller« mit Bar-und Lounge-Bereich konzipiert ist.

Ein kleiner grüner „Hügel“ birgt den Aufführungsraum und ist begehbar. (Bild: Ursula Baus)

Der Zugang zur Hall erfolgt durch die Musikhochschule oder direkt von draußen unter der Treppenverbindung. Man betritt den Saal also von seiner rückwärtigen Seite und ist dann überrascht davon, dass der Dachkonstruktion gewellte Holzschotten untergeschoben sind, genauer: Akustikrippen sind mit Holzflanschen und überstrichenen Stahlwinkeln montiert, was im Ganzen schwungvoll nicht von durchdachter Detaillierung zeugt – aber auch nicht intendierter, ruppiger Robustheit entspricht. Auch sind die Schrauben an den Geländer-Befestigungsplatten überstrichen, als habe man die Maler nicht beaufsichtigt.

Auf der Alster-Seite ist die Fassade vollverglast und lässt sich komplett öffnen. Dann können die Musikerinnen sich auf der geräumigen Bühne einem Outside-Publikum zuwenden, das wie in einer Arena draußen in einem Stufenrund sitzen kann. Bei der Inneneinrichtung – Möbelauswahl, Farben – war die Gattin des Mäzens federführend. Entstanden ist ein schöner Ort für Alster-Blues mit rund 200 Plätzen – aber es hat, wie man im Schwäbischen sagen würde, ein starkes »Geschmäckle«, dass mit der Jazz Hall die partikulare Mäzenaten-Vorliebe für Jazz in den Vordergrund rückt und draußen nicht einmal ein Hinweis auf die vielseitige »Hochschule für Musik und Theater Hamburg« zu finden ist. So sollte jetzt nach einem Kammermusiksaal in nahegelegenem Bestand gesucht werden.


JazzHall Hamburg
Architekten:
MPP Meding Plan + Projekt GmbH, Hamburg
Bauherr: Sprinkenhof GmbH
Baukosten: 4,5 Mio Euro

Ursula Baus

Herausgeberin Dr. Ursula Baus studierte zunächst Kunstgeschichte und Philosophie in Saarbrücken, dann Architektur in Stuttgart und Paris. War Redakteurin einer Fachzeitschrift für Architektur, gründete mit gleichgesonnenen Kolleg(inn)en 2004 die Partnerschaftsgesellschaft frei04 publizistik. Ist beziehungsweise war diversen Gremien, Stiftungen (Bundesstiftung Baukultur, stellv. Beiratsvorsitzende; Schelling Architekturstiftung, Vorstand), Kuratorien (IBA Basel) tätig. Als Lehrbeauftragte für Architekturtheorie und -kritik auch immer auf der Suche nach jungen Talenten. Ist vor allem an Grenzbereichen interessiert: Architektur, Stadt, Ökonomie, Politik – und Musik.